dozierende Musikwissenschaftler mit "Karriereknick"

Beispiel: Parteikarteikarte Walter Wiora - Bundesarchiv Berlin

 

aus George Orwells

1984


 Zürich 1973, 21. Auflage: Diana-Verlag

 

S. 56: "Die Vergangenheit, überlegte er, war nicht nur verändert, son­dern rundweg ausgelöscht worden. Denn wie konnte man die offensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es – außer in der eigenen Erinnerung – keine andere Aufzeichnung darüber gab? [...]

 

S. 62: Einen Tag um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Auf diese Weise konnte für jede von der Partei gemachte Vorhersage der dokumentarische Beweis erbracht werden, daß sie richtig gewesen war; auch wurde nie geduldet, daß man eine Verlautbarung oder Meinungsäußerung aufhob, die den augenblicklichen Gegebenheiten widersprach. Die ganze Historie stand so gleichsam auf einem auswechsel­baren Blatt, das genauso oft, wie es nötig wurde, radiert und neu beschrieben werden konnte.[...]

 

118: Hier aber handelte es sich um einen greifbaren Beweis; hier hielt er ein Fragment der ausgetilgten Vergangenheit in den Händen, wie einen fossilen Knochen, der in der ver­kehrten Gesteinsschicht aufgetaucht war und eine geolo­gische Theorie zunichte machte.[...]

 

120: Die unmittelbaren Vorteile einer Fälschung der Vergangenheit waren offensichtlich, aber das letzte, ureigentliche Motiv war schleierhaft. Er griff wieder zu seinem Federhalter und schrieb: Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum.[...]

 

291: Außerdem mußte man, um leistungsfähig zu sein, aus der Vergangenheit lernen können, was bedeutet, daß man eine ziemlich genaue Vorstellung von dem haben mußte, was sich in der Vergangenheit zugetragen hatte.[...]

 

314: Die Änderung der Vergangenheit ist aus zwei Gründen notwendig, deren einer untergeordnet und sozusagen vor­beugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, daß das Parteimitglied, ähnlich wie der Proletarier, die gegenwärtigen Lebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil er keine Vergleichsmöglichkeiten besitzt. Er muß von der Vergangenheit abgeschnitten werden, ganz so, wie er auch vom Ausland abgeschnitten werden muß, weil es notwendig ist, daß er glaubt, besser daran zu sein als seine Vorfahren, und daß sich das Durchschnittsniveau der materiellen Bequemlichkeit dauernd hebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund für die Änderung der Ver­gangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit der Partei zu garantieren. Nicht nur müssen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jeder Art ständig mit den jeweiligen Erfordernissen in Einklang gebracht werden, um aufzuzei­gen, daß die Voraussagen der Partei in allen Fällen richtig waren. Sondern es darf auch nie eine Veränderung in der Doktrin oder in der politischen Ausrichtung zugegeben werden.[...]

 

315: Die Vergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und die Erinnerungen wahrhaben wollen. Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrer Kontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitglieder unter ihrer ausschließlichen Kontrolle hat, folgt daraus, daß die Vergangenheit so aussieht, wie die Partei sie darzustellen beliebt.[...]"

 

"...hielt er Fragment(e) der ausgetilgten Vergangenheit in den Händen..."

                  

                      Ohne die Leistung dieser außerhalb der akademischen Musikwissenschaft arbeitenden Ausnahmewissen-

                schaftler hielten wir bis heute fast nichts "in den Händen", wären inzwischen gewiss viele Spuren ver-

                wischt und zahlreiche beweiskräftige Dokumente nicht mehr auffindbar.

 

                    Joseph Wulf (1912-1974)

Fred K. Prieberg (1928-2010)


Die inzwischen (Feb. 2022) 95jährige Hildegard Brenner hatte  Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus veröffentlicht und Joseph Wulf in der Erstausgabe seiner Musik im Dritten Reich u. a. auf Wolfgang Boettichers Mitarbeit am LEXIKON DER JUDEN IN DER MUSIK aufmerksam gemacht. Selbst wenn man Wulfs Publikation nicht hätte in Gänze lesen wollen, die Redaktion geht allerdings mit guten Gründen davon aus, dass nicht nur Ludwig Finscher, der Wulfts Pionierleistung  v i e r (!) Jahre nach der Veröffentlichung für Die Musikforschung (20. Jahrg., H. 3 (JULI/SEPTEMBER 1967), pp. 335-336) abgekanzelt hatte, sondern alle deutschen Musikwissenschaftler*innen sowohl Brenners als auch Wulfs Publikation von der ersten bis zur letzten Seite konzentriert gelesen haben, wäre in Wulfs Schrift via Personenregister (Boetticher) die unten abgebildete 'Würdigungspassage' aus dem Vorwort des LEXIKON DER JUDEN IN DER MUSIK  leicht zu ermitteln gewesen: 

 

"Wertvolle Mitarbeit..."

Lexikon der Juden in der Musik

aus dem Vorwort:

"Wertvolle Mitarbeit haben die Angehörigen der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg - Dr. Lily Vietig-Michaelis, Dr. Wolfgang   B o e t t i c h e r   und Dr. Hermann Killer - geleistet."

Wolfgang Boetticher-'Würdigungspassage' im vor-letzten Textabschnitt:


"Ein solches Lexikon behält seine Bedeutung auch für die Zukunft, wenn die Judenfrage in der deutschen Kunst einmal eine ferne historische Episode bilden wird."

 

Beispiel aus dem Lexikon: Arnold Schönberg


"Die Vergangenheit teilt uns mit, wer wir sind. Ohne sie verlieren wir unsere Identität."  Steven Hawking

 

 

"...heiße Eisen..."

die "Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg"


 

1974

im Jahr des Selbstmords von Joseph Wulf (10. Okt.) erschien anlässlich des 60. Geburtstags von Wolfgang Boetticher (19. Aug.) eine Festschrift:


die 27-köpfige Gästeliste des festlichen musikalischen Abendmahls liest sich z. T. wie das Who is Who der deutschen Musikwissenschaft...

 

...darüber hinaus haben weitere 202 Personen und 15 wissenschaft-liche Institute/Institutionen (Bibliotheken etc. ) gratuliert:



Bekenntnisse  des ...

"Und zu diesen Karrieren brauchte sie die Unterstützung der älteren   Generation ..."

 

 

"Die jüngere Generation hatte, von einzelnen Ausnahmen vielleicht abgesehen, kein Interesse an Rückschau und Besinnung, weil sie ihre einmaligen Chancen im Wiederaufbau weitgehend zerstörter universitärer Sturkturen ergriff und an ihren Karrieren arbeitete, und zu diesen Karrieren brauchte sie die Unterstützung der älteren Generation, die schon deshalb vertrauenswürdig erscheinen konnte, weil sie 1945 in aller Regel keinerlei Karriereknick erlitten hatte" (Finscher 2001: S. 2).

 

 

Dissertation von Lutz Finscher, deren Berichterstatter auch bei Carl Dahlhaus und Rudolph Stephan agiert hatten:


 

Fünfzehn Jahre später kanzelt Finschers Kommilitone Carl Dahlhaus Fred K. Priebergs Musik im NS-Staat  ab:

 

Den Notlügen auf der Spur

Fred K. Priebers Chronik der Musik im NS-Staat – Von Carl Dahlhaus

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag 13. Februar 1982 / Nummer37

 

Das Buch von Fred K. Prieberg, „Musik im NS-Staat“, wird ohne Zweifel vor allem als ein Stück „Entlarvungs-publizistik“ gelesen werden: als Ausgrabung peinlicher Tatsachen über Herbert von Karajan und Karl Böhm, Richard Strauss und Hans Pfitzner, Anton von Webern und Johann Nepomuk David, Carl Orff und Werner Egk, Wolfgang Fortner und Rudolf Wagner-Régeny, Norbert Schulze und Alois Melichar. Die wenigen, denen man nichts zur Last legen kann, wie Karl Amadeus Hartmann, werden nicht erwähnt: sie gehören zwar zur Musik während des „Dritten Reiches“, aber nicht zur „Musik im NS-Staat“.

Die Lebenden unter den Betroffenen werden sich gegen die Ausbreitung von Fakten, die Prieberg mit einem an Besessenheit grenzenden Entdeckungseifer recherchierte, nicht wehren. Jedenfalls wäre es unklug, wenn sie es versuchen würden; denn Prieberg kennt den Verlauf früherer Verleumdungsprozesse und berichtet darüber. Er weiß, was er schreiben darf und was nicht. Und was er behauptet, ist genau das, was im Gerichtsaal „nichts als die Wahrheit und die ganze Wahrheit“ heißt. Das Buch ist präzise, und die Zitate, auf die es sich stützt, wirken bestürzend, ohne daß man ihnen mit dem Argument, sie seien „aus dem Zusammenhang gerissen“, die Spitze abbrechen könnte. „Musik im NS-Staat“ ist jedoch streng genommen weder eine Analyse noch ein Versuch zusammenfassender Geschichtsschreibung, sondern ein Bericht: eine Chronik politisch-moralischer Perfidien und Versäumnisse, die Darstellung einer „Musikkultur“, die gerade dadurch innerlich zusammenbrach, daß sie sich äußerlich als „intakt“ präsentierte.

Prieberg analysiert nicht Probleme, sondern konstatiert Fakten, und zwar die unangenehmen. So schrieb etwa Carl Orff, an dessen politisch-moralischer Integrität kein Zweifel erlaubt ist, 1939 eine Bühnenmusik zum „Sommer-nachtstraum“. Und Priebergs Urteil steht von vornherein fest: Zwischen 1933 und 1945 eine „Sommer-nachtstraum“-Musik zu komponieren, war politisch, als Versuch, Mendelssohn zu verdrängen oder zu „ersetzen“, sträflicher Opportunismus und nichts sonst.

Selbstverständlich wäre es widersinnig, das politische Moment zu leugnen. Man sollte jedoch andererseits berück-sichtigen, daß avancierte Regisseure – und das waren gerade nicht die Anhänger des NS-Staats – in den dreißiger Jahren zu einem Inszenierungsstil neigten, mit dem Mendelssohns Musik schlechterdings unvereinbar erschien. Es war demnach künstlerisch legitim und an der Zeit, eine andere als die gewohnte „Sommernachtstraum“-Musik zu schreiben. Und die Situation war insofern besonders paradox und grotesk, als Mendelssohns Musik gerade zu der Art von Regie paßte, die dem Regime sympathisch war. Es gab darum einige Nazi-Kritiker, die ausdrücklich bedauerten, daß Mendelssohns Musik, wie das scheußliche Wort hieß, „untragbar“ sei.

Die Frage, ob ein Komponist ein Werk schreiben soll, dessen künstlerische Legitimität feststeht, dessen politische Implikationen jedoch fatal sind, kann zweifelsfrei verschieden beantwortet werden. Aber man müßte sie zunächst einmal stellen, bevor man über Orff den Stab bricht: über einen Komponisten, den niemand, der den Text der Oper „Die Kluge“ liest, zu den Anhängern des Regimes zählen kann.

[...]

Prieberg ist, so genau und unermüdlich er recherchiert, offenbar ein ungenauer Leser. Er hat mit unbeirrbarer Sorgfalt und detektivischem Scharfsinn nahezu zwei Jahrzehnte lang – er erwähnt auch die Kosten – Material gesammelt. Aber zu einer Analyse, die den Namen verdient, ist er nicht fähig – oder aber nicht willens, weil sie den publizistischen Effekt, den er erstrebte durch Differenzierung abschwächen würde. [...]

Aber auch den Anspruch auf Geschichtsschreibung, den Prieberg erhebt, wird keineswegs eingelöst. Von den konkurrierenden Faschismustheorien – der marxistischen Kapitalismusthese, der Theorie Thalheimers über die „verselbständigte Exekutive“, der sozialpsychologischen Analyse Erich Fromms und Theoder W. Adornos, der Totalitarismustheorie Franz Neumanns und Karl Dietrich Brachers und der „phänomenologischen“ Interpretation Ernst Noltes – ist nicht einmal in einem Nebensatz die Rede. Prieberg ist ein Chronist, der unermüdlich Fakten häuft, und ein Publizist, der zu provozieren versucht, aber ein Historiker, der die Struktur der Musikkultur in der Nazizeit kategorial zu erfassen versucht, ist er nicht.

Vor den schwierigen Problemen scheut er zurück: Weder die zwiespältige Gesinnung Anton von Weberns noch die problematische Situation Herbert von Karajans in den letzten Kriegsjahren wird dargestellt, und von der Diskussion über Arnold Scherings Beethovendeutung ist ebensowenig die Rede wie von Friedrich Blumes Buch „Das Rassenproblem in der Musik“.

Die Motivation, die dem Buch zugrunde liegt, ist eigentlich eine detektivisch-moralische: Prieberg fühlte sich immer dann zu Recherchen provoziert, die Peinliches zutage förderten, wenn von Komponisten, Dirigenten oder Publizisten nach 1945 belastende Tatsachen verschwiegen, retuschiert oder zurechtgerückt worden sind. Er ist, 450 Seiten lang, den „Notlügen“ auf der Spur.

Nicht, daß es überflüssig wäre, die „kleinen wahren Fakten“ (Denis Diderot) zu kennen, aus denen der musikalische Alltag in der NS-Zeit bestand. Und man fragt sich bei der Lektüre – der Rezensent gehört ebenso wie der Autor dem Jahrgang 1928 an -, wie man sich selbst verhalten hätte (eine ebenso unabweisliche wie vergebliche Frage). Aber eine Darstellung, die man als Geschichtsschreibung bezeichnen kann, steht auch nach Priebergs Buch noch aus.

Fred K. Prieberg: „Musik im NS- Staat“. Fischer Taschenbuch.

 

die „kleinen wahren Fakten“ (Denis Diderot)

 

Wie Finscher gibt Dahlhaus  den NS-Musiksachverständigen mit wissenschaftlichem Maximalanspruch, ohne jemals auch nur eine Zeile zur Thematik veröffentlicht zu haben. "Weder die zwiespältige Gesinnung Anton von Weberns noch die vermeintlich problematische Situation Herbert von Karajans in den letzten Kriegsjahren" waren Dahlhaus 'differenzierte' Erörterungen wert, aber auch nach Schriften zu "Arnold Scherings Beethovendeutung [...] und Friedrich Blumes Buch „Das Rassenproblem in der Musik“ sucht man in seiner Bibliographie vergebens,  stolpert darin allerdings - auch das gehört zu den "kleinen wahren Fakten"  - über eine weniger bekannte "Festschrift für einen Verleger" aus dem Jahre 1973. Gleichwohl scheut sich der schon als Musikgelehrter offenbar nur wenig autonome Autonomieästhetiker und Hobbypsychologe nicht, Prieberg niederträchtige Forschungsmotive zu unterstellen, gar zu psychopathologisieren - "einem an Besessenheit grenzenden Entdeckungseifer"  -  und sich geradezu halbstark mit seiner 'stupenden' Theoriekompetenz gegen den 'lediglich' an 'kleinen' außermusikalischen Fakten interessierten Jahrgangsbruder (1928) in Stellung zu bringen.

 

"Ich brauche Informationen. Eine Meinung bilde ich mir selbst." Charles Dickens

 

Unentwegt wirft er Prieberg vor, nicht das Buch geschrieben zu haben, das er selber aus seiner maximal differenzierten Theorielabyrinthperspektive hätte schreiben können und sollen, versucht er Priebergs Schrift Defizite nachzuweisen, ohne sich offenbar aufs Ganze gesehen des Hauptdefizits bewusst zu sein, das wiederum sein Intimus Finscher auch zwanzig Jahre später noch zu konstatieren hatte. Dass nämlich - es sei noch einmal ausdrücklich betont - die von Dahlhaus als GfM-Präsident und -Vizepräsident (1968-1980, siehe unten) diskursmäßig geprägte akademische "Disziplin nicht nur nichts sachlich und methodisch Befriedigenderes zum Thema vorgelegt [...][hatte], sondern [...] praktisch überhaupt nichts" (Finscher 2001: 2). Stattdessen versucht der 'bebrillte Musikintelligenzler', sich mit billigen Andeutungen nicht nur am Whitewashing von Herbert von Karajan, der sich vermutlich wie alle Deutschen, "in den letzten Kriegsjahren" in einer mehr oder weniger "problematischen Situation" befunden hat.

Geradezu grotesk argumentiert Dahlhaus in seiner Verteidigung von Orffs Sommernachtstraum-Musik. Selbst wenn die von Dahlhaus namentlich nicht genannten Regiemodernisten der 'Verfallszeit' nach einer ästhetisch eher expressionistisch oder neu-sachlich orientierten Bühnenmusik Ausschau gehalten hätten, wofür es, wie gesagt, keine Belege gibt, wären sie gewiss nicht mit der schlussendlich den NS-Regietraditionalisten und -Kulturfunktionären ästhetisch zusagenden Ersatzmusik Orffs fündig geworden. Für dessen Musik hat sich in der Weimarer Republik ohnehin niemand interessiert -  mal abgesehen vom "Münchner Bachverein" und die daselbst von dem künftigen SA- und Pg.-ler Fritz Büchtger künstlerisch ehrenamtlich geleitete kleine Kammermusikreihe der "Vereinigung für Zeitgenössische Musik" (1927-32). Das gilt übrigens auch für den bzw.  E inen g roßen K ünstler namens Werner Egk alias Werner Joseph Mayer. Die mehr oder weniger steilen Karieren dieser Herren hatten erst 1933 begonnen. 

Aus Vogelperspektive betrachtet erweckt die Rezension den Eindruck, als habe sie lediglich den willkommenen Vorwand für einen sich in grotesken Argumentationen, unbewiesenen Behauptungen und Andeutungen erschöpfenden Orff-Ablassbrief ("kein Zweifel erlaubt" / "Sommernachtstraum / "Die Kluge") geliefert. Wer hat seinerzeit schon gewagt, dem  offenbar auch mit der Musikindustrie gut vernetzten MuWi-Papst zu widersprechen? Womit auch Dahlhaus' selbstkritische Frage "wie man sich selbst verhalten hätte" beantwortet wäre.

 

"Es gehört in meinen (Fach-) Kreisen zum guten Ton,  n i c h t   über Prieberg zu sprechen." N. N.

 

Prieberg war von Dahlhaus psychopathologisiert, moralisch fragwürdiger Absichten, handwerklicher Defizite und suboptimaler Diskurshöhe bezichtigt worden. Jeder gare und halb gare Musikwissenschaftler erlaubte sich fortan ungeniert mit dem ungeprüften MuWi-Papst-Verdickt im Ranzen, an dem in die Schmuddelecke Verwiesenen sein Wasser abzuschzuschlagen. 

 

Hier das nicht nur "beinahe", sondern tatsächlich "bestürzende" Beispiel eines besonders perfiden Feiglings - er wird gewiss nicht der einzige gewesen sein -, der hinter den Kulissen skrupellos Rufmord an dem unabhängigen Forscher betrieben und sich in seiner widerlich selbstgefällgigen Ignoranz nicht einmal entblödet hat, Michael H. Katers Missbrauchte Muse gegen Priebergs Handbuch Deutsche Musiker 1933-45  auszuspielen.

 

Dies nur abschließend für's Poesiealbum zu den Themen Autonomie, Ideologie- und Tendenzfreiheit in der Forschung bzw. über Musik (wissenschaft) und Macht - damit beim forschenden Nachwuchs die Illusionen nicht ins Kraut schießen.  

 

 

 

"...hielt er sich gegenüber den Machthabern zurück..."

 

 

Vertiefende Recherchen nicht nur zu Boetticher hatten nach Wulfs Selbstmord zunächst einzig Fred K. Prieberg, später dann auch Willem de Vries für notwendig gehalten, während selbst im aktuellen MGG-Online von den bis dato(!) siebenunddreißig eingangs gelisteten Parteimitgliedschaften    n e u n z e h n     unerwähnt bleiben - und zwar namentlich (Stand 12.03.2021): Anna Amalie Abert, Adam Adrio, Joachim Hans Albrecht, Wolfgang Boetticher, Werner Danckert, Wilhelm Ehmann, Friedrich Gennrich, Walter Gerstenberg, Heinrich Husmann, Hans Engel, Werner Korte, Peter Raabe, Ludwig Schiedermair, Walter Serauky, Wilhelm Stauder, Hermann Stephani, Walter Wiora und Hermann Zenck.

 

Darin keine Personenartikel zu: Kurt Gudewill, Siefried Goslich, Karl Hasse, Otto C. A. zur Nedden, Gustav Friedrich Schmidt, Fritz Stein, Gerhard Pietzsch, Alfred Quellmalz. 

 "[...] Obwohl Wioras Forschungsgebiete schon thematisch eine Nähe zur nationalsozialistischen Diktatur begünstigt hätten, hielt er sich gegenüber den Machthabern zurück. Gleichwohl wurde er 1942, möglicherweise aufgrund seiner Themen, zum außerordentlichen Prof. an die Univ. Posen berufen, die als 'Reichsuniversität' zu einer Kaderschmiede des Regimes ausgebaut werden sollte. Wegen seines Kriegseinsatzes konnte er dieses Amt nie antreten - ein Umstand, den er später als glücklich betrachtete. 1946 kehrte er nach Freiburg zurück, wo er als Archivar das Deutsche Volksliedarchiv betreut hat. Erst spät, 1958, also im Alter von 51 Jahren, erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl F. Blumes an die Univ. Kiel.[...]" Laurenz Lütteken, Sequenz aus Personenartikel Walter Wiora in MGG2 - überführt in MGG-Online - vom Verfasser eingesehen und via Screenshot kopiert am 12.03.2021.

 

notabene - "... ihr Beruf ist, nicht nur Wahrheit zu erforschen ..."

 

 

Hatten für das erste MGG die "lernfähigen und [...] wendigen" (Gerhard 2000: 5-6)  Protagonisten ihre 'nazionalchauvinistisch' kontaminierten Biografien 'vorsichtshalber' noch selber an den Zeitgeist 'angepasst', so haben, wie sich nach wenigen Mausclicks feststellen lässt, diese Aufgabe im angeblich "völlig neu bearbeiteten" (wikipedia) MGG2 überwiegend loyale Schüler bzw. - zur Verschleierung der Netzwerke und Wahrung des wissenschaftlichen Scheins - deren "an ihren Karrieren arbeitende" Schüler übernommen. Der in die aktuelle Online-Enzyklopädie transferierte Personenartikel Walter Wiora ((1906-97) siehe Ausschnitt oben) stammt beispielsweise aus aus der Feder von Laurenz Lütteken, dem derzeitigen Herausgeber des vorgeblich "bedeutendsten deutschsprachigen musikwissenschaftlichen Standardwerks nach dem Zweiten Weltkrieg" (wikipedia). Der stets höchste wissenschaftliche Maßstäbe reklamierende Zürcher Ordinarius schreibt darin allerdings nicht nur auffallend gut informiert über das Faktum von Wioras Parteimitgliedschaft hinweg, sondern darüber hinaus versucht er auch noch schamlos, seinem Protagonisten Haltung und Integrität anzudichten.

Lüttekens 'exklusive' Insiderkenntnisse könnten sowohl von seinem Doktorvater und Habilitationsbetreuer Klaus Hortschansky stammen, als dessen Dissertationszweitberichterstatter Wiora in Kiel fungiert hat,  als auch von Wioras langjährigem Assistenten und ab 1988 Herausgeber des MGG2, dessen Student Lütteken vorübergehend in Heidelberg gewesen ist und deshalb auch als Dissertationsmitberichterstatter vermutet werden darf. Dass Lutz bzw. Ludwig Finscher allerdings in dem von ihm verfassten MGG-Personenartikel zwar die Parteiangehörigkeit seines, nach Lüttekens (2020) skandalöser Verklärung, dem "legendären Göttinger Seminar der Nachkriegszeit"  angehörenden Doktorvaters, Antisemiten und 'Sonderstab-Co-Aktivisten' Rudolf Gerber (1899-1957), die er im MGG1 noch unterschlagen hatte, offenbart, sie aber im Kontext Wioras von einem willfährigen Musterschüler seines Kieler Kommilitonen und nur fünf Jahre jüngeren Habilitanden Hortschansky unter den Teppich kehren lässt, ist mit Blick auf die epische Lebensspanne von Finschers "wichtigstem Mentor" (ebd.) zwar nachvollziehbar, allerdings mitnichten in Einklang zu bringen mit dem Neutralitätsgebot der 'Enzyklopädisten', der "sauberen historischen Arbeit" (Finscher 2001a: 432) und dem "redlichen Umgang mit den Quellen" (ebd. 416), die der, mehr noch als sein Habilitand Hortschansky (GfM-Vize- bzw. Präsidentschaft 1989-97), viele Jahre u. a. als Role Model und äußerst berufungsrelevanter Gutachter agierende GfM- (1974-77) bzw. IMS-Präsident (1977-81) mitunter gerne selbstgerecht und -gefällig von anderen gefordert hatte. Notabene! Wer hehres Wissenschaftsehthos predigt, muss sich im besonderen Maße daran messen lassen. 

 

 

notabene - "... ihr Beruf ist, nicht nur Wahrheit zu erforschen ..."

 

 

"geradezu unverfrorene Bereinigungen und Säuberungen..."

 

Aber nicht nur vor diesem Hintergrund wirkt Lüttekens entrüstete Feststellung,  wonach "Konrad Ameln und Wolfgang Boetticher oder Wilhelm Ehmann die Gunst einer vermeintlichen 'Stunde Null' zu geradezu unverfrorenen Bereinigungen und Säuberungen" ihrer Biografien genützt hätten, die er den Lesern in seinem Essay Weltsprache Musik? Selbstverständnis und Geltungsanspruch der ersten MGG (Lütteken 2018: 6, siehe Link unten) zumutet, bestenfalls lächerlich, schlechterenfalls aber 'unverfroren' respektlos gegenüber dem Kollegium. Dem tischt er nämlich, wie eingangs sein Hortschansky-Co-Habilitand Gerhard, ein billiges Täuschungsmanöver auf. Denn bei seiner kleinen und keinesfalls zufälligen Auswahl vergleichsweise irrelevanter (Ameln, Ehmann) bzw. längst 'überführter Delinquenten' (Boetticher), handelt es sich mit Blick auf die Eingangstabelle offenbar um reines  Blendwerk, mit der er die drei Inkriminierten "als alleinige Sündenböcke für die Verstrickungen der ganzen Disziplin zu isolieren" sucht (Gerhard 2000, siehe oben). Mal abgesehen davon, dass die Parteiangehörigkeiten von zwei der drei Genannten (Boetticher, Ehmann (Stand 12.03.2021)) selbst in dem von Lütteken seit 2013 als Generalherausgeber verantworteten  Onlinelexikon geflissentlich verschwiegen werden, bleiben mit seinem an den Pranger gestellten Wissenschaftlertrio  gleichsam die zahl- und äußerst einflussreichen,  vor allem aber im MGG1 als Autoren stark vertretenen NACHKRIEGS muwi G  R  A  N  D  E  N  Engel, Fellerer, Gerber, Husmann, Korte, Osthoff, Wiora - und wie die bestens vernetzten wissenschaftsWUNSCHKONZERTakteure nicht alle heißen -, die im vom Verleger und Pg. Karl Vötterle (Mitgliedsnummer 4.629.166) auf den Weg gebrachten und sukzessive materialisierten MGG1 nicht minder unverfroren ihre Biografien bereinigt und gesäubert hatten, unerwähnt. Nicht nur von daher ist Lütteken entschieden zu widersprechen, wenn er wider besseres Wissen pro domo behauptet, dass "der oft geäußerte Verdacht, die MGG1 sei bloß ein Spiegel von 'alten' Netzwerken, ganz sicher nicht" zutreffe. Denn diese "alten Netzwerke" haben, wie nur unschwer anhand   s e i n e s   Netzwerks, seiner gestelzt heuchelnden Whitewashing-Essayistik und seines 'unverfroren bereinigten und gesäuberten' Personenartikels Wiora verdeutlicht werden konnte, 'ganz sicher' nicht nur im MGG1, sondern offenbar auch in den Nachfolgeditionen - notabene 19 von 37 - über willige, ihre Gewissenspflicht als Wissenschaftler verletzende, jedes Berufsethos mit Füßen tretende und jedes Wissenschaftsideal verratende Helfer ihre Wirkmacht entfalten können.

 

 

 

 Die Wahrheit war immer nur eine Tochter der Zeit. Leonardo da Vinci

 

Wahrhaftigeres nicht nur zu Wiora, sondern u. a. auch zum "legendären Göttinger Seminar der Nachkriegszeit" bzw. der gesamten 'Kickline der deutschen Nachkriegsmusikwissenschaft' findet man kostenlos in Fred K. Priebergs nicht "schmaler und ungesicherter", wie   L u d w i g    'v a n'   Finscher es jahrzehntelang pseudo-sachverständg, 'methodisch stringent' mit 'spezifisch'-tendenzhaft verscheuklapptem Blick und - 'Pour le Mérite' - leeren Händen gegenüber dem nicht akademischen Kollegen unerträglich borniert und unbewiesen behauptet hatte, sondern, nur wenige Jahre später, stupender "Materialbasis" (ca. 10 000 Seiten). Die ist inzwischen jedem online frei zugänglich und auch als PDF mit Suchfunktion herunterladbar.

Auch als Großmeister des wissenden Ignorierens und beredter Tatenlosigkeit konnte Finscher schlussendlich nicht verhindern, dass gewissenhafte Wissenschaftler die unangenehmen, mitunter 'ekelerregenden' Faken ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt haben. Ja, die Wahrheit kann mitunter schmerzhaft sein.

 

Und auch seinen, um es mit Thomas Mann zu sagen, "Kooperationsknechten" der dritten und inzwischen vierten Fälschungs-, Vertuschungs- und Verklärungsgeneration wird trotz beträchtlicher Forschungssubventinierung besten-falls eine weitere Verzögerung der Wahrheitsfindung bzw. reaktionäre Diskursfestlegung gelingen. So jedenfalls wird es irgendwann samt Nennung von Ross und Reiter  in den Geschichtsbüchern zu lesen sein. 

 

 

                           Foto: Ulrich J. Blomann


 

Bevor wir erneut und abschließend das "legendäre Göttinger Seminar der Nachkriegszeit" fokussieren, soll noch einmal ein Blick auf Gerhards Eingangsbefund geworfen werden. Mit der Identifizierung Besselers als 'einer der wenigen' nachweislichen Parteimitglieder war nämlich auch der vermeintlich singuläre MuWi-Makel aus Heidelberg auf die 'dunkeldeutsche' Seite des Eisernen Vorhangs (Jena/Leipzig) 'entsorgt' und damit einmal mehr das Klischee des auch moralisch unterlegenen Ostblocks bestätigt worden. So konnten in der Bundesrepublik nach einer im Schatten des Kalten Krieges zur Farce mutierten Entnazifizierung auf den vielen Lehrstühlen die "Lichtgestalten umso heller, unschuldiger und engelsgleich strahlen" (Phlebs 2001: 485) und darüber hinaus entspannt und bestens vernetzt informell in 'Seminaren', Gremien, Kommissionen, Beiräten, Gesellschaften, Akademien, Stiftungen, Kuratorien, Gutachterausschüssen und und und unauffällig dafür Sorge tragen, dass allzu eigensinnige Studierende ins Abseits gerieten, während sich 'kooperationsbewährte' Zöglinge in selbstgefälliger Verblendung, all dies korreliere nun mal mit ihren grandiosen Forschungsleistungen, die Stellen aussuchen konnten. Selbsverständlich hat man sich für die informelle Protegierung  -  do ut des - unverzüglich angemessen zu bedanken gewusst, etwa mit der Verleihung einer Ehrendoktorwürde.  

 

Hatte sich Lütteken noch 2018 prätentiös im besten Wissen um Wolfgang Boettichers Lebensgeschichte doppelt gemoppelt über dessen "unverfrorene Bereinigungen und Säuberungen" seiner Biografie in der ersten MGG echauffiert, scheint ihn - à la Gerhard - sein Geschwätz von gestern nur zwei Jahre später nicht mehr zu interessieren, heißt es 'historiografisch vorsätzlich unpräzise' im Nachruf auf seinen vermutlich 'wichtigsten Mentor' Ludwig Finscher: "Er [Finscher *1930, Erg. d. Verf.] war nun der letzte  V e r t r e t e r   des   l e g e n d ä r e n   Göttinger Seminars der Nachkriegszeit [Gerber *1899, Boetticher *1914, Husmann *1908, Erg. d. Verf.], dem so unterschiedliche Köpfe wie Carl Dahlhaus [*1928, Erg. d. Verf.], Rudolf Stephan [*1925, Erg. d. Verf.] und Joachim Kaiser [*1928, Erg. d. Verf.] entstammten" (Lütteken: NZZ vom 07.07.2020).  

 

Hier wird vom 'aufklärungssachverständigen' Zürcher Ordinarius (2017: Mozart - Leben und Musik im Zeitalter der Aufklärung) reaktionär-revisionistisch mittels 'alternativer Fakten'   v e r k l ä r e n d   und unterschwellig selbstaufwertend suggeriert, dass Finscher einem "legendären Göttinger Seminar", also einer pädagogisch-wissenschaftlichen 'Titanen'-Loge angehört habe, die die 'Olympier' der deutschen Nachkriegsmusikwissenschaft (Dahlhaus, Stephan) hervorgebracht hatte. Tatsache aber ist, dass Finscher nicht Lehrer der genannten MuWi-Granden war, sondern als deren jüngster Kommilitone, wie diese, in der nicht "legendären", aber  b e r ü c h t i g t e n   Pflanzstätte deutscher Musikwissenschaftler 'ausgebildet' worden war. Hier unterläuft Lüttekens geschrumpftes Wissenschaftsverständnis zweifelsfrei die Forderungen seines Lehrers und Förderers Finscher, derzufolge  saubere "musikhistorische Arbeit [...] etwas mit redlichem Umgang mit den Quellen zu tun" (Finscher 2001a: 416) und man deshalb als Musikologe gefälligst den "historischen Tatsachen die Ehre zu geben" (ebd.) habe. 

 

Selbstverständlich hätte sich Finscher den schmierantisch-kontraproduktiven Nobilitierungsversuch seines neun-malklugen Zöglings und Erben verbeten, hatte der bestens informierte Wulf-Rezensent doch schon für Boettichers Festschrift nicht, wie sein Kommilitone Dahlhaus, einen für den Nachwuchs nur als unmissververständliches Zeichen zu verstehenden Beitrag geliefert, sondern, wie offenbar auch Stephan, von 'Wissens Sorge' geplagt, vorsichtshalber nur zurückhaltend gratuliert. Joachim Kaiser hatte bestenfalls dankend abgelehnt oder ist erst gar nicht eingeladen worden.

 

Auch wenn die 'Titanen' von den Olympiern intern-informell längst auf den Sturzflug geschickt worden waren, musste und konnte aus unbedingtem Korpsgeist bzw. fragwürdiger Loyalität, aus Eitelkeit oder warum auch immer der schöne Schein mit Unterstützung bestens vernetzter Pg.-Manpower so lange wie möglich aufrecht erhalten werden. Womit gleichsam die Frage beantwortet wäre, ob nicht nur Finscher, sondern auch seine Vorgänger, Nachfolger*innen und ergebenen Mitstreiter*innen an ihren Aufgaben "gescheitert" sind, hatten sie doch absichtsvoll-tendenzhaft, also evident antiwissenschaftlich dafür gesorgt, dass zentrale Themen (u. a. NS-Geschichte der Musik- bzw. Musikwissenschaftsverhältnisse) so weit unter den Teppich gekehrt wurden, dass der ZugGROSSmeister der Strippe alias Ludwig van Finscher noch 2001 'konstatieren' musste/konnte   - "das trifft leider zu" -, dass das von ihm und seinen Göttinger Altkommilitonen Jahrzente dominierte Fach aus Opportunismus - "dafür brauchten sie die Unterstützung der älterne Generation" - 'heiße Eisen' bzw. brisante Themen erfolgreich indiziert hatte. Darüber können auch einzelne, von 'Wissens Sorge' getriebene Feigenblattveranstaltungen nicht hinwegtäuschen, in denen konsequent mit leeren Händen und scheinheilig die Frage wiederholt wurde, warum denn nun die Aufarbeitung der Fachgeschichte so lange hat auf sich warten lassen. Beim Mannheimer GfM-Kongress (2012) hatte sich gar ein Ordinarius, der inzwischen auch als Boetticher-Festschrift-Gratulant identifiziert werden konnte, unverfroren erdreistet, dem davon nicht im geringsten irritierten Plenum eine hanebüchene Selling-For-Stupid-Täuschungserklärung aufzutischen, wonach ein aus der Luft gegriffener Täter-Opfer-Konsens zum Beschweigen der Vergangenheit bestanden habe (vgl. dazu auch: Mannheimer Manieren).

 

Wenn schon, um noch einmal Finschers Wulf-Rezension zu zitieren, "nur zu gut verständliche [...] Empörung und Ekel [...] schlechte Ratgeber für die historische Arbeit " sind,  wie fällt dann aber erst die Bewertung der "Ratgeber"  Opportunismus und Geschichtsklitterung aus? 

 

 

Rudolf Gerber

bei Fred K. Prieberg

EPILOG

 

philosophische Vitamine:

frei nach Seneca "Das Leben ist kurz"

 

 

Schau wie lange sie ihre hinterhältigen Pläne spinnen, andere hofieren, selbst hofiert werden, wie viel Zeit sie die Bürgschaftsleistungen kosten, eigene und fremde, wie viel ihre Gastmähler, die selbst schon zu zwanghaften Verpflichtungen geworden sind.

 

Manchen, die sich durch tausend Würdelosigkeiten zur höchsten Würde hinaufgekämpft, sich zum Gipfel ihres Ehrgeizes emporgearbeitet hatten, kam auf einmal der triste Gedanke, sie hätten sich nur für ihre Orden und Grabinschriften abgemüht. Dabei wusste doch jeder mit wie viel Ränke und Niedertracht sie vorgegangen, ihre Ehrenzeichen durch nichts gerechtfertigt waren. Und war Erfolg ohne Integrität nicht seit jeher bedeutungslos? Die Grabinschrift würde also nur ihren erbärmlichen Selbstbetrug beurkunden.

 

Während sie aber selbst hin und her gedrängt worden waren und andere weggedrängt hatten, während sie selbst prätentiös den Aufklärer gaben, tatsächlich aber nur gesinnungslose Heuchler, Verklärer und Fälscher gewesen sind, blieb ihr Leben bedeutungslos, ohne irgendeine Art geistigen Wachstums, geschweige denn Erkenntnisgewinn für die Menschheit. 

 

Am traurigsten aber sieht es für diejenigen aus, die sich nicht einmal mit ihren eigenen Geschäften herumgeplagt hatten, die ihre Tritte nach dem Schritt eines anderen gerichtet und sich sogar das Lieben und Hassen, die aller-freiesten menschlichen Regungen, befehlen lassen haben. Wenn sie wissen wollen, wie kurz ihr eigenes Leben ist, dann sollten sie bedenken, welch ein kleiner Teil davon nur ihnen gehört hat.

 

Wir sagen gewöhnlich, wir hätten nicht die Möglichkeit gehabt, uns unsere Eltern auszusuchen, da sie uns das Schicksal zugeteilt hat. Aber nach unserer eigenen Entscheidung aufzuwachsen, das steht uns frei. Es gibt Familien der edelsten Geister: Wähle aus, in welche du aufgenommen werden willst. Du wirst nicht nur dem Namen nach adoptiert, sondern auch Erbe ihrer Güter sein.

 

 

Good Night, and Good Luck!