'narrating musicology'

 

Anselm Gerhard 2000, S. 5-6:

 

"Und schließlich kann man das Grundmuster des Verfahrens, einen weniger lernfähigen und weniger wendigen Kollegen gleichsam als alleinigen Sündenbock für die Verstrickungen der ganzen Disziplin zu isolieren, auch noch im Umgang mit dem Göttinger Professor Wolfgang Boetticher erkennen."

 

Die Tabelle wird sukzessive ergänzt. Die Redaktion ist für Hinweise dankbar.

Beispiel: Parteikarteikarte Ludwig Schiedermair - Bundesarchiv Berlin

aus George Orwells

1984


 Zürich 1973, 21. Auflage: Diana-Verlag

S. 56: "Die Vergangenheit, überlegte er, war nicht nur verändert, son­dern rundweg ausgelöscht worden. Denn wie konnte man die offensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es – außer in der eigenen Erinnerung – keine andere Aufzeichnung darüber gab? [...]

 

S. 62: Einen Tag um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Auf diese Weise konnte für jede von der Partei gemachte Vorhersage der dokumentarische Beweis erbracht werden, daß sie richtig gewesen war; auch wurde nie geduldet, daß man eine Verlautbarung oder Meinungsäußerung aufhob, die den augenblicklichen Gegebenheiten widersprach. Die ganze Historie stand so gleichsam auf einem auswechsel­baren Blatt, das genauso oft, wie es nötig wurde, radiert und neu beschrieben werden konnte.[...]

 

118: Hier aber handelte es sich um einen greifbaren Beweis; hier hielt er ein Fragment der ausgetilgten Vergangenheit in den Händen, wie einen fossilen Knochen, der in der ver­kehrten Gesteinsschicht aufgetaucht war und eine geolo­gische Theorie zunichte machte.[...]

 

120: Die unmittelbaren Vorteile einer Fälschung der Vergangenheit waren offensichtlich, aber das letzte, ureigentliche Motiv war schleierhaft. Er griff wieder zu seinem Federhalter und schrieb: Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum.[...]

 

291: Außerdem mußte man, um leistungsfähig zu sein, aus der Vergangenheit lernen können, was bedeutet, daß man eine ziemlich genaue Vorstellung von dem haben mußte, was sich in der Vergangenheit zugetragen hatte.[...]

 

314: Die Änderung der Vergangenheit ist aus zwei Gründen notwendig, deren einer untergeordnet und sozusagen vor­beugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, daß das Parteimitglied, ähnlich wie der Proletarier, die gegenwärtigen Lebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil er keine Vergleichsmöglichkeiten besitzt. Er muß von der Vergangenheit abgeschnitten werden, ganz so, wie er auch vom Ausland abgeschnitten werden muß, weil es notwendig ist, daß er glaubt, besser daran zu sein als seine Vorfahren, und daß sich das Durchschnittsniveau der materiellen Bequemlichkeit dauernd hebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund für die Änderung der Ver­gangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit der Partei zu garantieren. Nicht nur müssen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jeder Art ständig mit den jeweiligen Erfordernissen in Einklang gebracht werden, um aufzuzei­gen, daß die Voraussagen der Partei in allen Fällen richtig waren. Sondern es darf auch nie eine Veränderung in der Doktrin oder in der politischen Ausrichtung zugegeben werden.[...]

 

315: Die Vergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und die Erinnerungen wahrhaben wollen. Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrer Kontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitglieder unter ihrer ausschließlichen Kontrolle hat, folgt daraus, daß die Vergangenheit so aussieht, wie die Partei sie darzustellen beliebt.[...]"

 

"...hielt er Fragment(e) der ausgetilgten Vergangenheit in den Händen..."

                  

                      Ohne die Leistung dieser außerhalb der universitären Musikwissenschaft arbeitenden Ausnahmewissen-

                schaftler hielten wir bis heute fast nichts "in den Händen", wären inzwischen gewiss viele Spuren ver-

                wischt und zahlreiche beweiskräftige Dokumente 'nicht auffindbar'.

                    Joseph Wulf (1912-1974)

Fred K. Prieberg (1928-2010)



1963 - Rückblende

Zum Thema Musik im NS-Staat wird erstmals signifikant publiziert:

Hildegard Brenner hatte  Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus veröffentlicht und Joseph Wulf in der Erstausgabe seiner Musik im Dritten Reich u. a. auf Wolfgang Boettichers Mitarbeit am LEXIKON DER JUDEN IN DER MUSIK aufmerksam gemacht. Selbst wenn man Wulfs Publikation nicht hätte in Gänze lesen wollen, die Redaktion geht allerdings mit guten Gründen davon aus, dass alle deutschen Musikwissenschaftler*innen sowohl Brenners als auch Wulfs Publikation von der ersten bis zur letzten Seite konzentriert gelesen haben, wäre in Wulfs Schrift via Personenregister (Boetticher) die unten abgebildete 'Würdigungspassage' aus dem Vorwort des LEXIKON DER JUDEN IN DER MUSIK  leicht zu ermitteln gewesen: 

 

"Wertvolle Mitarbeit..."

Lexikon der Juden in der Musik

aus dem Vorwort:

"Wertvolle Mitarbeit haben die Angehörigen der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg - Dr. Lily Vietig-Michaelis, Dr. Wolfgang   B o e t t i c h e r   und Dr. Hermann Killer - geleistet."

Wolfgang Boetticher-'Würdigungspassage' im vor-letzten Textabschnitt:


Beispiel aus dem Lexikon: Arnold Schönberg


 

"...heiße Eisen..."

die "Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg"


 

 

1974

im Jahr des Selbstmords von Joseph Wulf (10. Okt.) erschien anlässlich des 60. Geburtstags Boettichers (19. Aug.) eine Festschrift:


die 27-köpfige Gästeliste des festlichen musikalischen Abendmahls liest sich z. T. wie das Who is Who der deutschen Musikwissenschaft...

...darüber hinaus haben weitere 202 Personen und 15 wissenschaft-liche Institute/Institutionen (Bibliotheken etc. ) gratuliert:



Bekenntnisse  Des ...

"Und zu diesen Karrieren brauchte sie die Unterstützung der älteren   Generation ..."

"Die jüngere Generation hatte, von einzelnen Ausnahmen vielleicht abgesehen, kein Interesse an Rückschau und Besinnung, weil sie ihre einmaligen Chancen im Wiederaufbau weitgehend zerstörter universitärer Sturkturen ergriff und an ihren Karrieren arbeitete, und zu diesen Karrieren brauchte sie die Unterstützung der älteren Generation, die schon deshalb vertrauenswürdig erscheinen konnte, weil sie 1945 in aller Regel keinerlei Karriereknick erlitten hatte" (Finscher 2001: S. 2).

 

aus der Dissertation von Lutz alias Ludwig Finscher:

Kontinuitaeten ...

"...hielt er sich gegenüber den Machthabern zurück..."

Vertiefende Recherchen nicht nur zu Boetticher hatten nach Wulfs Selbstmord zunächst einzig Fred K. Prieberg, später dann auch Willem de Vries für notwendig gehalten, während selbst im aktuellen MGG-Online von den bis dato(!) zweiundzwanzig eingangs gelisteten Parteimitgliedschaften   f ü n f z e h n   unerwähnt bleiben - und zwar namentlich, Stand 12.03.2021: Anna Amalie Abert, Adam Adrio, Joachim Hans Albrecht, Wolfgang Boetticher, Wilhelm Ehmann, Walter Gerstenberg, kein Personenartikel Kurt Gudewill, Heinrich Husmann, Hans Engel, Werner Korte, Ludwig Schiedermair, Walter Serauky, Hermann Stephani, Walter Wiora und Hermann Zenck.

 

Sowas kommt von sowas...

 

"[...] Obwohl Wioras Forschungsgebiete schon thematisch eine Nähe zur nationalsozialistischen Diktatur begünstigt hätten, hielt er sich gegenüber den Machthabern zurück. Gleichwohl wurde er 1942, möglicherweise aufgrund seiner Themen, zum außerordentlichen Prof. an die Univ. Posen berufen, die als 'Reichsuniversität' zu einer Kaderschmiede des Regimes ausgebaut werden sollte. Wegen seines Kriegseinsatzes konnte er dieses Amt nie antreten - ein Umstand, den er später als glücklich betrachtete. 1946 kehrte er nach Freiburg zurück, wo er als Archivar das Deutsche Volksliedarchiv betreut hat. Erst spät, 1958, also im Alter von 51 Jahren, erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl F. Blumes an die Univ. Kiel.[...]" Laurenz Lütteken, Sequenz aus Personenartikel Walter Wiora in MGG2 - überführt in MGG-Online - vom Verfasser eingesehen am 12.03.2021.

 

Hatten für das erste MGG die Protagonisten ihre 'nazionalchauvinistisch' kontaminierten Biografien 'vorsichtshalber' noch selber an den Zeitgeist 'angepasst', so haben, wie sich nach wenigen Mausclicks feststellen lässt, diese Aufgabe im angeblich "völlig neu bearbeiteten" (wikipedia) MGG2 überwiegend loyale Schüler bzw. - zur Verschleierung der Netzwerke und Wahrung des wissenschaftlichen Scheins - deren "an ihren Karrieren arbeitende" Schüler übernommen. Der in die aktuelle Online-Enzyklopädie transferierte Personenartikel Walter Wiora (siehe Ausschnitt oben) stammt beispielsweise aus aus der Feder von Laurenz Lütteken, dem derzeitigen Herausgeber des vermeintlich "bedeutendsten deutschsprachigen musikwissenschaftlichen Standardwerks nach dem Zweiten Weltkrieg" (wikipedia). Der stets höchste wissenschaftliche Maßstäbe reklamierende Zürcher Ordinarius schreibt darin allerdings nicht nur auffallend gut informiert über das keinesfalls unbedeutende Faktum von Wioras Parteimit-gliedschaft hinweg, sondern darüber hinaus versucht er auch noch schamlos, seinem Protagonisten Haltung und Integrität anzudichten.

Lüttekens 'exklusive' Insiderkenntnisse könnten sowohl von seinem Doktorvater und Habilitationsbetreuer Klaus Hortschansky stammen, als dessen Dissertationszweitberichterstatter Wiora in Kiel fungiert hat,  als auch von Wioras langjährigem Assistenten und ab 1988 Herausgeber des MGG2, dessen Student Lütteken vorübergehend in Heidelberg gewesen ist und deshalb auch als dessen Dissertationsmitberichterstatter vermutet werden darf.           Dass Lutz bzw. Ludwig Finscher allerdings in dem von ihm verfassten MGG-Personenartikel zwar die Parteiangehörigkeit seines, nach Lüttekens (2020) skandalöser Verklärung, dem "legendären Göttinger Seminar der Nachkriegszeit"  angehörenden Doktorvaters, Antisemiten und 'Sonderstab-Co-Aktivisten' Rudolf Gerber (1899-1957), die er im MGG1 noch unterschlagen hatte, offenbart, sie aber im Kontext Wioras von einem willfährigen Musterschüler seines Kieler Kommilitonen und nur fünf Jahre jüngeren Habilitanden Hortschansky unter den Teppich kehren lässt, ist mit Blick auf die Lebensspanne von Finschers "wichtigstem Mentor" (ebd.) zwar nachvollziehbar, allerdings mitnichten in Einklang zu bringen mit dem Neutralitätsgebot der 'Enzyklopädisten' und der "sauberen historischen Arbeit" (Finscher 2001a: 432) bzw. "historiografischen Präzision" (Lütteken 2020), die der, mehr noch als sein Habilitand Hortschansky (GfM-Vize- bzw. Präsidentschaft 1989-97), viele Jahre u. a. als Role Model und äußerst berufungsrelevanter Gutachter fungierende GfM- (1974-77) bzw. IMS-Präsident (1977-81) mitunter gerne gefordert hat.

 

 

 

selling for stupid

 

"geradezu unverfrorene Bereinigungen und Säuberungen..."

 

Aber nicht nur vor diesem Hintergrund wirkt Lüttekens entrüstete Feststellung,  wonach "Konrad Ameln und Wolfgang Boetticher oder Wilhelm Ehmann die Gunst einer vermeintlichen 'Stunde Null' zu geradezu unverfrorenen Bereinigungen und Säuberungen" ihrer Biografien genützt hätten, wie auch andere Statements, die er den Lesern in seinem Essay Weltsprache Musik? Selbstverständnis und Geltungsanspruch der ersten MGG (Lütteken 2018: S. 6, siehe Link unten) zumutet, bestenfalls lächerlich, schlechterenfalls aber 'unverfroren' respektlos gegenüber dem Kollegium. Dem tischt er nämlich, wie eingangs sein Hortschansky-Co-Habilitand Gerhard, ein billiges Täuschungs-manöver auf. Denn bei seiner kleinen und keinesfalls zufälligen Auswahl subalterner (Ameln, Ehmann) bzw. längst 'überführter Delinquenten' (Boetticher), handelt es sich mit Blick auf die Eingangstabelle offenbar um reines  Blendwerk, mit der er die drei Inkriminierten "als alleinige Sündenböcke für die Verstrickungen der ganzen Disziplin zu isolieren" sucht (Gerhard 2000, siehe oben). Mal abgesehen davon, dass die Parteiangehörigkeiten von zwei der drei genannten Delinquenten (Boetticher, Ehmann) selbst im aktuellen Onlinelexikon verschwiegen werden, bleiben mit seinem an den Pranger gestellten Wissenschaftlertrio  gleichsam die zahl- und äußerst einflussreichen,  vor allem aber im MGG1 als Autoren stark vertretenen NACHKRIEGS muwi G  R  A  N  D  E  N  Engel, Fellerer, Gerber, Husmann, Korte, Osthoff, Wiora - und wie die bestens vernetzten wissenschaftsWUNSCHKONZERTakteure nicht alle heißen -, die im vom Verleger und Pg. Karl Vötterle (Mitgliedsnummer 4.629.166) auf den Weg gebrachten und sukzessive materialisierten MGG1 nicht minder unverfroren ihre 'schandbefleckten' Biografien bereinigt und gesäubert hatten. Nicht nur von daher ist Lütteken entschieden zu widersprechen, wenn er im Rahmen seines Abwehrzaubers wider besseres Wissen pro domo behauptet, dass "der oft geäußerte Verdacht, die MGG1 sei bloß ein Spiegel von 'alten' Netzwerken, ganz sicher nicht" zutreffe. Denn diese "alten Netzwerke" haben, wie nur unschwer anhand   s e i n e s   Netzwerks, seiner gestelzt heuchelnden Whitewashing-Essayistik und seines 'unverfroren bereinigten und gesäu-berten' Personenartikels Wiora verdeutlicht werden konnte, 'ganz sicher' nicht nur im MGG1, sondern offenbar auch in den Nachfolgeditionen - notabene 15 von 22 - über willige, ihre Gewissenspflicht als Wissenschaftler verletzende und jedes Berufsethos mit Füßen tretende Helfer ihre Wirkmacht entfalten können.

 

 

Wahrhaftigeres nicht nur zu Wiora, sondern u. a. auch zum "legendä-ren Göttinger Seminar der Nachkriegszeit" findet man kostenlos bei

 

aber auch und vor allem - insbesondere zu Wolfgang Boetticher und den anderen oben gelisteten Parteimitgliedern - in Fred K. Priebergs inzwischen online frei zugänglichen und auch als PDF mit Suchfunktion herunterladbaren ...

                           Foto: Ulrich J. Blomann


Wolfgang Boetticher

 

bei Fred K. Prieberg

Rudolf Gerber

bei Fred K. Prieberg