Die 'Stunde Null' in der deutschen Musikwissenschaft

Die Tabelle wird sukzessive ergänzt. Die Redaktion ist für Hinweise dankbar.

Beispiel: Parteikarteikarte Ludwig Schiedermair - Bundesarchiv Berlin


aus George Orwells

1984


 Zürich 1973, 21. Auflage: Diana-Verlag

S. 56: "Die Vergangenheit, überlegte er, war nicht nur verändert, son­dern rundweg ausgelöscht worden. Denn wie konnte man die offensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es – außer in der eigenen Erinnerung – keine andere Aufzeichnung darüber gab? [...]

 

S. 62: Einen Tag um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Auf diese Weise konnte für jede von der Partei gemachte Vorhersage der dokumentarische Beweis erbracht werden, daß sie richtig gewesen war; auch wurde nie geduldet, daß man eine Verlautbarung oder Meinungsäußerung aufhob, die den augenblicklichen Gegebenheiten widersprach. Die ganze Historie stand so gleichsam auf einem auswechsel­baren Blatt, das genauso oft, wie es nötig wurde, radiert und neu beschrieben werden konnte.[...]

 

118: Hier aber handelte es sich um einen greifbaren Beweis; hier hielt er ein Fragment der ausgetilgten Vergangenheit in den Händen, wie einen fossilen Knochen, der in der ver­kehrten Gesteinsschicht aufgetaucht war und eine geolo­gische Theorie zunichte machte.[...]

 

120: Die unmittelbaren Vorteile einer Fälschung der Vergangenheit waren offensichtlich, aber das letzte, ureigentliche Motiv war schleierhaft. Er griff wieder zu seinem Federhalter und schrieb: Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum.[...]

 

291: Außerdem mußte man, um leistungsfähig zu sein, aus der Vergangenheit lernen können, was bedeutet, daß man eine ziemlich genaue Vorstellung von dem haben mußte, was sich in der Vergangenheit zugetragen hatte.[...]

 

314: Die Änderung der Vergangenheit ist aus zwei Gründen notwendig, deren einer untergeordnet und sozusagen vor­beugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, daß das Parteimitglied, ähnlich wie der Proletarier, die gegenwärtigen Lebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil er keine Vergleichsmöglichkeiten besitzt. Er muß von der Vergangenheit abgeschnitten werden, ganz so, wie er auch vom Ausland abgeschnitten werden muß, weil es notwendig ist, daß er glaubt, besser daran zu sein als seine Vorfahren, und daß sich das Durchschnittsniveau der materiellen Bequemlichkeit dauernd hebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund für die Änderung der Ver­gangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit der Partei zu garantieren. Nicht nur müssen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jeder Art ständig mit den jeweiligen Erfordernissen in Einklang gebracht werden, um aufzuzei­gen, daß die Voraussagen der Partei in allen Fällen richtig waren. Sondern es darf auch nie eine Veränderung in der Doktrin oder in der politischen Ausrichtung zugegeben werden.[...]

 

315: Die Vergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und die Erinnerungen wahrhaben wollen. Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrer Kontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitglieder unter ihrer ausschließlichen Kontrolle hat, folgt daraus, daß die Vergangenheit so aussieht, wie die Partei sie darzustellen beliebt.[...]"

 

"...hielt er Fragment(e) der ausgetilgten Vergangenheit in den Händen..."

                  

                      Ohne die Leistung dieser außerhalb der institutionellen Musikwissenschaft arbeitenden Ausnahmewissen-

                schaftler hielten wir bis heute fast nichts "in den Händen", wären inzwischen gewiss viele Spuren ver-

                wischt und zahlreiche beweiskräftige Dokumente nicht mehr auffindbar.

                    Joseph Wulf (1912-1974)

Fred K. Prieberg (1928-2010)



1963 - Rückblende

 

Zum Thema Musik im NS-Staat wird erstmals signifikant publiziert:

 

Hildegard Brenner hatte  Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus veröffentlicht und Joseph Wulf in der Erstausgabe seiner Musik im Dritten Reich u. a. auf Wolfgang Boettichers Mitarbeit am "mörderischen" (siehe unten) LEXIKON DER JUDEN IN DER MUSIK aufmerksam gemacht. Selbst wenn man Wulfs Publikation nicht hätte in Gänze lesen wollen, die Redaktion geht allerdings mit guten Gründen davon aus, dass alle deutschen Musikwissenschaftler*innen sowohl Brenners als auch Wulfs Publikation von der ersten bis zur letzten Seite konzentriert gelesen haben, wäre in Wulfs Publikation via Personenregister (Boetticher) die unten abgebildete 'Würdigungspassage' aus dem Vorwort des LEXIKON DER JUDEN IN DER MUSIK  leicht zu ermitteln gewesen: 

"Wertvolle Mitarbeit..."

Lexikon der Juden in der Musik

aus dem Vorwort:

"Wertvolle Mitarbeit haben die Angehörigen der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg - Dr. Lily Vietig-Michaelis, Dr. Wolfgang   B o e t t i c h e r   und Dr. Hermann Killer - geleistet."

Wolfgang Boetticher-'Würdigungspassage' im vor-letzten Textabschnitt:


Beispiel aus dem Lexikon: Arnold Schönberg


die "Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg"


 

 

1974

im Jahr des Selbstmords von Joseph Wulf (10. Okt.) erschien anlässlich des 60. Geburtstags Boettichers (19. Aug.) eine Festschrift:


die 27-köpfige Gästeliste des festlichen musikalischen Abenmahls liest sich z. T. wie das Who is Who der deutschen Musikwissenschaft...

...darüber hinaus haben weitere 202 Personen und 15 wissenschaft-liche Institute/Institutionen (Bibliotheken etc. ) gratuliert:



Bekenntnisse  Eines ...

"Und zu diesen Karrieren brauchte sie die Unterstützung der älteren   Generation ..."

"Die jüngere Generation hatte, von einzelnen Ausnahmen vielleicht abgesehen, kein Interesse an Rückschau und Besinnung, weil sie ihre einmaligen Chancen im Wiederaufbau weitgehend zerstörter universitärer Sturkturen ergriff und an ihren Karrieren arbeitete, und zu diesen Karrieren brauchte sie die Unterstützung der älteren Generation, die schon deshalb vertrauenswürdig erscheinen konnte, weil sie 1945 in aller Regel keinerlei Karriereknick erlitten hatte" (Finscher 2001: S. 2).

Kontinuitaeten ...

"...hielt er sich gegenüber den Machthabern zurück..."

Vertiefende Recherchen nicht nur zu Boetticher hatte nach Wulfs Selbstmord  einzig der Musikwissenschaftler Fred K. Prieberg für notwendig gehalten, während selbst im aktuellen MGG-Online von den bia dato (!) siebzehn oben genannten Parteimigliedschaften   e l f   unerwähnt bleiben - und zwar namentlich, Stand 12.03.2021: Anna Amalie Abert, Adam Adrio, Joachim Hans Albrecht, Wolfgang Boetticher, kein Personenartikel Kurt Gudewill, Heinrich Husmann, Hans Engel, Werner Korte, Ludwig Schiedermair, Walter Wiora und Hermann Zenck.

 

Sowas kommt von sowas...

Hatten für das erste MGG die Protagonisten ihre nazionalchauvinistisch kontaminierten Biografien 'vorsichtshalber' noch selber an den Zeitgeist 'angepasst', so haben, wie sich nach wenigen Mausclicks feststellen lässt, diese Aufgabe im angeblich "völlig neu bearbeiteten"  MGG2 überwiegend loyale Schüler bzw. - zur Wahrung des wissen-schaftlichen Scheins - deren "an ihren Karrieren arbeitende" Schüler übernommen. Der auch in die aktuelle Online-Enzyklopädie transferierte Personenartikel Walter Wiora stammt beispielsweiseaus aus der Feder von Laurenz Lütteken, dem derzeitigen Herausgeber des vermeintlich "bedeutendsten deutschsprachigen musikwissenschaft-lichen Standardwerks nach dem Zweiten Weltkrieg" (wikipedia). Der stets höchste wissenschaftliche Maßstäbe reklamierende Zürcher Ordinarius schreibt darin allerdings auffallend gut informiert über Wioras Parteimitgliedschaft hinweg. Die 'exklusiven' Insiderkenntnisse könnten sowohl von seinem Doktorvater und Habilitationsbetreuer Klaus Hortschansky stammen, der lange in geographischer Nähe des hier zur Rede stehenden Protagonisten seine Wissenschaftlerkarriere vorangetrieben hatte, als auch von Wioras langjährigem Assistenten und ab 1988 Heraus-geber des MGG2, dessen Student Lütteken vorrübergehend in Heidelberg gewesen ist. Dass Ludwig Finscher allerdings in dem von ihm verfassten MGG-Personenartikel Rudolf Gerber (1899-1957) zwar die Parteiangehörigkeit seines Doktorvaters, die er im MGG1 noch unterschlagen hatte, vermutlich erst nach dem Tod von dessen Göttinger 'Sonderstab- und NSDAP-Spezi' Wolfgang Boetticher offenbart hat, sie aber im Kontext seines Habilitationsbetreuers Wiora von einem Musterschüler seines nur fünf Jahre jüngeren Habilitanden Hortschansky unter den Teppich kehren lässt, ist mit Blick auf Wioras Lebensspanne (1906-1997) zwar nachvollziehbar, allerdings so gar nicht in Einklang zu bringen mit dem selbst auferlegten Neutralitätsgebot der Enzyklopädisten und der "sauberen historischen Arbeit" (2001a: 432),  die der viele Jahre als Role Model fungierende GfM- und IMS-Präsident mitunter gerne bei anderen reklamiert hat.

 

Vor diesem Hintergrund wirkt Lüttekens Entrüstung,  dass "Konrad Ameln und Wolfgang Boetticher oder Wilhelm Ehmann, die Gunst einer vermeintlichen 'Stunde Null' zu geradezu unverfrorenen Bereinigungen und Säuberungen" (Lütteken 2018: S. 6) ihrer Biografien genützt hätten, wie auch anderes, was Lütteken den Lesern an scheinbar Selbstvergessenem in seinem Essay "Selbstverständnis und Geltungsanspruch der ersten MGG" zumutet, bestemfalls lächerlich, schlimmstenfalls aber unverfroren und vor allem respektlos gegenüber dem Kollegium. Dem nämlich wartet er - et hätt noch immer jot jejanget - mit einem geradezu unverschämten Täuschungsmanöver auf: Denn seine irreführende A B L E N K U N G S auswahl subalterner (Ameln, Ehmann) bzw. längst inkriminierter 'Delinquenten' (Boetticher) ist mit Blick auf die aussagekräftige Eingangstabelle evident: Ungenannt bleiben damit nämlich gleichsam die  NACHKRIEGS Muwi G  R  A  N  D  E  N  Blume, Engel,  Fellerer, Husmann, Korte, Osthoff, Schiedermair, Wiora - und wie die bis dato  e l f  ermittelten  Wissenschaftswunschkonzertakteure nicht alle heißen -, die im MGG1 nicht minder unverfroren ihre schandbefleckte Biografie bereinigt und gesäubert hatten. Nicht nur von daher ist Lütteken auch entschieden zu widersprechen, wenn er im besagten Artikel wider besseres Wissen pro domo behauptet, dass "der oft geäußerte Verdacht, die MGG [1, Erg. d. Verf.] sei bloß ein Spiegel von 'alten' Netzwerken, ganz sicher nicht" zutreffe. Denn diese "alten Netzwerke", haben, wie anhand   s e i n e s   Netzwerks und selbst seiner aktuellen Whitewsahing-Essayistik verdeutlicht werden konnte, nicht nur im MGG1, sondern lange darüber hinaus auch in den Nachfolgeauflagen,  bis in die jüngste Vergangenheit hinein, über willige, ihre wissenschaftliche Gewissenspflicht verletztende und jedes Berufsethos mit den Füßen tredende Helfer ihre Wirkmacht entfalten können.

 

Geschichte wird geschrieben ...

Doch kehren wir zurück zum Ausgangspunkt, zum 'unverfroren bereinigten und gesäuberten' Personenartikel Wiora aus der Feder des Zürcher Ordinarius:  

 

"[...] Obwohl Wioras Forschungsgebiete schon thematisch eine Nähe zur nationalsozialistischen Diktatur begünstigt hätten, hielt er sich gegenüber den Machthabern zurück. Gleichwohl wurde er 1942, möglicherweise aufgrund seiner Themen, zum außerordentlichen Prof. an die Univ. Posen berufen, die als 'Reichsuniversiät zu einer Kaderschmiede des Regimes ausgebaut werden sollte. Wegen seines Kriegseinsatzes konnte er dieses Amt nie antreten - ein Umstand, den er später als glücklich betrachtete. 1946 kehrte er nach Freiburg zurück, wo er als Archivar das Deutsche Volkliedarchiv betreut hat. Erst spät, 1958, also im Alter von 51 Jahren, erhielt er einen Ruf auf den Lehrstul F. Blumes an die Univ. Kiel.[...]" aus MGG2 - überführt in MGG-Online - vom Verfasser eingesehen am 12.03.2021.

 

 

Aktuellers nicht nur zu Wiora findet man kostenlos bei

 

aber auch und vor allem - insbesondere zu Wolfgang Boetticher und den anderen oben gelisteten Parteimitgliedern - in Fred K. Priebergs inzwischen online frei zugänglichen und auch als PDF mit Suchfunktion herunterladbaren ...

                           Foto: Ulrich J. Blomann


Wolfgang Boetticher: