"Die Fragen, die Ihre Untersuchung aufwirft, laufen letzten Endes auf etwas hinaus, was ich in letzter Zeit (hier in den Niederlanden, im Sommer aber auch in Darmstadt selber) oftmals gefordert habe, nämlich, dass die gesamte Musikgeschichte (nach dem 2. Weltkrieg) von Grund auf neu geschrieben werden müsse."


Amsterdam, 29 december 2010

 

Lieber Herr Blomann,

zuviel Reisen und viel zuviel (Fach-)Lektüre haben das Lesen Ihrer Diss. immer wieder verzögert. Jetzt hab ich's geschafft.

In Ihrem Buch stehen unendlich viel Sachen, von denen ich keine Ahnung hatte. Von den Punkten, mit denen Sie mich zum Nachdenken angesetzt haben, greife ich nur ein paar zentrale heraus.

Zuvor aber:

Ich habe K.A. Hartmann nur ein einziges Mal gesehen. Das muss kurz vor seinem Tod gewesen sein; ich besuchte ihn in München, um mit ihm über die Aufführung eines Stückes zu reden. [...] Als wir uns dann verabschiedeten sicherte er mir zu, dass er sich um das Stück kümmern werde (ich hatte ihm ein Filmröllchen der Partitur hinterlassen), dass er aber erst mal bald eben ins Krankenhaus müsse, kleine Sache, nicht weiter besorgniserregend. Da ist er dann gestorben, und wenn er länger gelebt hätte, hätte ich diesen so lustigen wie brillianten Menschen bestimmt wieder gesehen und hätte er mir noch so manches erzählen können.

Nun zu Stuckenschmidt: Seine Schwankungen hin und her waren mir nur vage bekannt. Sie haben mich nie besonders aufgeregt, denn nicht jeder kann so asketisch-streng sein wie Adorno. Aus Ihrem Buch ersehe ich nun etwas, was ich nicht wusste: Stuckenschmidts Rolle als Damaskus-bekehrter Paulus vor allem in Darmstadt. Es scheint, das Stuckenschmidt dort besonders puristisch und orthodox gewesen ist. Die Fragen, die Ihre Untersuchung aufwirft, laufen letzten Endes auf etwas hinaus, was ich in letzter Zeit (hier in den Niederlanden, im Sommer aber auch in Darmstadt selber) oftmals gefordert habe, nämlich, dass die gesamte Musikgeschichte (nach dem 2. Weltkrieg) von Grund auf neu geschrieben werden müsse. Der Gedanke ist mir in der Tat zum ersten Mal gekommen, als ich Stonor-Saunders' Buch (Who pays the Piper) las: da wurde in Bezug auf Darmstadt ja nur der Zipfel des Schleiers gelüftet, jedoch machte selbst dies schon hellhörig.

Ich habe Stuckenschmidt persönlich nur wenig gekannt. Mir fiel nur auf, dass er meinen kritischen Stellungnahmen zum Elfenbeinturm "serielle Musik" oder "Kölner Schule" immer sehr geschlossen-ablehnend gegenüber trat, und ich konnte mir keinen Reim darauf machen, warum bei einem "linken" (dafür hielt ich ihn) Musiker das kritische Denken vor diesen Mauern aufhörte.

Auch als ich - 1969 - den Egk-Prozess an den Hals kriegte, hätte ich zumindest von ihm tatkräftige Unterstützung erwarten können. Prieberg gab sie mir, bei Stuckenschmdt jedoch herrschte 'Das grosse Schweigen'.  Jetzt weiss ich also mehr.

In etwas anderem Licht habe ich mir ähnliche Fragen auch zu Strobel gestellt, bei dem ich - damals - nicht kapierte, wie jemand, der einstmals noch Hindemithianer war, nun so plötzlich zum Schutzengel Boulez' hatte mutieren können, ohne dass jemand ihm damals kritische Fragen gestellt hätte. Dass er mich (wegen eines niederländischen Textes) damals bei Egk verpetzt hat, hat mir dann allerdings die Augen weit geöffnet. In neueren Publikationen untersuchen französische Historiker immer gründlicher die Periode der Besatzungszeit und die Rolle der deutschen Botschaft in Paris. Nun, vielleicht werden die da auch noch einiges mehr über Strobel finden... Er gehört in jedem Fall zu jener Seilschaft Nachkriegs-Bekehrter (wie auch Wolfgang Fortner), für die ich nur den netten niederländischen Limmerick weiss: "Und als man sie dann wiederfand, da waren sie im Widerstand". Dass die sogenannte "serielle" Musik ob ihres absolut aussenwelt-feindlichen Impetus für solche Seilschaften ein willkommener Zuflucht-Hafen gewesen sein muss, wird mir nach der Lektüre Ihres Buches immer deutlicher. Nochmals: Musikgeschichte neu schreiben. Denn mir wird - auch das erhellt sich indirekt aus Ihrem Buch - immer deutlicher, warum Musikwissenschaftler und -Kritiker schon in den siebziger Jahren so allergisch, wie von der Tarantel gestochen, auf meine Forderungen reagiert haben, bei theoretischer und historischer Arbeit den sozialen Grundlagen der Musik vorrangig Aufmerksamkeit zu schenken (und somit die Musikwissenschaft von innen her aufzubrechen). Gewiss, das war zu einer Zeit, wo es den Älteren relativ leicht fiel, uns Babys unserer ML-Mao-Neigungen zu bezichtigen. Hätten wir allerdings damals gewusst, wass wir heute wissen, so hätten wir vermutlich differenzierter und zielbewusster zurückschlagen können.

          Womit wir bei Hartmann selber sind: Ich erkenne im seiner 'vita' so manches von meiner eigenen. Gewiss, das Grauen der Nazi-Diktatur hat meine Generation nicht erlebt, und deshalb auch nicht das Los völliger Isolation. Wie dann allerdings in der Nachkriegs-Restaurationszeit  mit linken Demokraten umgesprungen wurde, erinnert mich an die zweite Restaurations-Welle (seit dem Aufkommen des Neo-Liberalismus) und die raffinierten Techniken, mit denen man "Linke" Musiker marginalisierte. Wo Hartmann sich vor einer zweiten Isolation fürchtete, fürchteten wir uns vor unserer ersten. Das ist ein bleierner Dämpfer und Hartmanns Furcht (seiner ca. letzten 20 Lebensjahre) ist nur allzu verständlich. So wie er zu der Einsicht kam, dass die stalinistischen Verbrechen kein Irrweg sondern Symptom des Sovjet-Sozialismus waren (der nie einer gewesen ist, sondern nur brutalster Staatskapitalismus), so ging es uns im Laufe der 70er Jahre mit China. Mir persönlich gingen die Augen vollends auf, als ich 1979 für etwa 2 Wochen in Nord-Korea war und dort auch mit Ministern und hohen Parteibossen gesprochen habe: das war Stalinismus reinsten Wassers. Die Fragen, die sich mir stellten, sind denn auch letztendlich dieselben, die Hartmann sich gestellt hat: wie kann man - nach Einsichten in die historische Degenerierung des Sozialismus - ein anständiger Demokrat und Sozialist bleiben? In welchem Masse kann man sich mit diesem Standpunkt zur Aussenwelt verhalten, oder muss man ihn in die Kompositionen "einfangen" wie die Mücke im Bernstein? Eine schlüssige Antwort gibt es umso weniger, je mehr Europa - vielleicht die ganze Welt - nach rechts rutscht und die politische Klasse sich dort konsolodiert.

          Nochmals: hätte ich nur die Gelegenheit gehabt, Hartmann 10 Mal, 20 Mal zu sprechen (es war ja Nono, der mich in seine Richtung gewiesen hat!) so hätte ich vielleicht damals schon Dinge erfahren und für Probleme mich wappnen können, die vielleicht auch meine damaligen Jahre anders hätten laufen lassen, als dann wirklich geschah. Auch daran habe ich 1969 in München gedacht, als ich wegen Egk dort vor dem Richter stand. Da stand ich ganz mutterseelen allein. Glauben Sie, auch nur einer der Komponisten-Altersgenossen, die uns ansonsten ständig Moralpredigten halten, hätte sich damals mit mir solidarisiert? Auf lange Sicht hat die Sache vielleicht dazu beigetragen, dass die "Egk-mich-am-Orff" Seilschaft etwas zurückhaltender wurde, doch was war der Preis?

          Nun bin ich natürlich riesig gespannt auf das Erscheinen Ihres vollständigen Buches und ich hoffe, dass Sie mir, wenn es dann erschienen ist, mir eine kurze Nachricht senden, denn hier in den Niederlanden kriegt man vom deutschen Musikbuch-Markt so gut wie nichts mit.

Mit herzlichem Gruss,

Ihr

Konrad Boehmer