"Wie wir hiebei das t r a g i s c h e element des Kunstwerks der Zukunft in Seiner Entwicklung aus dem Leben und durch die künstlerische Genossenschaft
berührt haben, so dürfen wir auf das k o m i s c h e Element desselben durch Umkehrung derjenigen Bedingungen schließen, welche das tragische als nothwendig zur
Erscheinung brachten. Der Held der Komödie wird der umgekehrte Held der Tragödie sein: wie dieer als Kommunist, d.h. als Einzelner, der durch die Kraft seines Wesens aus innerer, freier
Nothwendigkeit in der Allgemeinheit aufgeht, sich unwillkürlich nur auf seine Umgebung und Gegensätze bezog, wo wird jener als Egoist, als Feind der Allgemeinheit, sich dieser zu entziehen oder
sie willkürlich auf sich allein zu beziehen streben, in diesem Streben aber von der Allgeminheit in den mannigfaltigsten und abwechselndsten Gestalten bekämpft, gedrängt und endlich besiegt
werden. Der Egoist wird g e z w u n- g e n in die Allgemeinheit aufgehen, d i e s e daher die eigentliche handelnde, vielfache Person
sein, die dem immer handeln wollenden, nie aber könnenden, Egositen so lange als willkürlic wechselnder Zufall erscheint, bis sie im gedrgstesten Kreise ihn umschließt, und er, ohne Luft
zum weiteren eigensüchtigen Athmen, seine letzte Rettung endlich nur in der unbedingtesten Anerkennung ihrer Nothwendigkeit ersieht. Die künstlerische Genossenschaft, als Repräsentatn der
Allgemeinheit, wird somit in der Komödie einen noch unmittelbareren Antheil an der Dichtung selbst haben, als in der Tragödie" (Wagner: Das Kunstwerk der Zukunft, S. 1330).
"...aus der Zeit der überlebten Republik..."??????????????????
[...] und die Schenke, wo man sich derb in Trunk und Spiel auslebt, die verderbte römische Gesellschaft aus der Zeit der überlebten Republik [...]" (Schadewaldt (1960) 2007: 220).
"[…] Tiefpunkt am Fortunarad […]"
(Carl Orff am 26.06.37 an Michel Hofmann, in Dangel-Hofman 1990: 138)
11 Estuans interius
bei den Sündern will ich sein...
Wie lebt sichs in Klepperlins Haus? Was wartet derer [...] in der Spelunke?«
Die durch Thomas Manns Doktor Faustus inspirierte Ausgangsvermutung, dass eine Schenke - "[...] in der Hellen und ihrer Spelunck [...] Wie lebt sichs in
Klepperlins Haus? Was wartet derer [...] in der Spelunke [sic]?" - als Symbol der Hölle zu verstehen sei, konnte durch einschlägige Fachliteratur (Kaemena 1988: 14, 27, 29), vor allem aber
mittels der von Carl Orff "fraglos als Höhepunkt in der Interpretationsgeschichte des Werkes" (Orff nach Kii-Ming Lo 2015: 149) sanktionierten Carmina
Burana-Verfilmung von Jean-Pierre Ponnelle erhärtet werden. Unten dazu mehr.
Der In taberna- bzw. Höllen-Teil umfasst insgesamt vier Nummern (11-14): Drei aufeinanderfolgende mehr oder weniger üppig instrumentierte Orchesterlieder für Männerstimmen solo (11 Estuans interius (Bariton, ständige Orchesterbegleitung), 12 Olim lacus colueram (Tenor), 13 Ego sum abbas (Bariton, mit kurzen Orchester- und Chorstaccatieinwürfen)) und die Schlussnummer (14 In taberna quando summus), die Taberna-Apotheose, als Männerchorstück mit einer sich gegen Ende martialisch aufschaukelnder Orchesterunterstützung.
Im Folgenden sollen die benannten 'Höllen'-Szenen vorgestellt und analysiert werden:
Hieronymus Bosch, Das Narrenschiff (ca. 1490-1500), Paris, Louvre.
Übersetzung: Michel Hofmann
Lo hat in ihrer Analyse darauf hingewiesen, dass sich der offenbar von Zornesflammen überwältigte Bariton auf einem dem
Gemälde von Hieronymus Bosch nachempfundenen Narrenschiff (siehe oben) gen Höllenschlund bewe-ge, also noch nicht in der Hölle sei. Mit der Formulierung "Bei den Sündern will ich sein" wird
diese Interpretation durchaus nahe gelegt. In der Tat bewegt sich in Ponnelles Film eine Barke mit Mast durch eine düstere Unterweltlandschaft in Richtung der durch den kontinuierlich rot
angestrahlten Bug (Bild 2) antizipierte Hölle.
Im Hintergrund ist flüchtig ein an den Mast gefesselter Engel (Bild 2) erkennbar, der sich aber schon in einer der nächsten
Einsstellungen 'entfesselt' (Bild 3) mit einem Mönch brüderlich an geistigen Getränken delektiert. Am Schiffsheck sitzt als Steuermann ein Teufel. Deutlich sichtbar ist auch ein mit roten
Schellenkappe ausgewiesener Narr. In entgegengesetzter 'Fahrrichtung' passieren die Höllenfähre im Bildvordergrund u. a. ein am Galgen hängendes Skelett, ein im eisernen Käfig darbender
Delinquent und einige benamensschildete Tugendallegorien: u. a. "Abstinenzia" und "Justizia".
"Was darin [i. d. Versen der CB ] zeitgebunden war, ist tot" (Hofmann 1937).
Carmina Duplicia pro 'Tertio Imperio'...
Idealismus versus Lumperei...
"Es gibt zwei Dinge, die die Menschen zusammenzuschließen vermögen: Idealismus und gemeinsame Lumperei. [...] Der Träger des Idealismus sind bereit, für ihren Glauben zu sterben, die Träger eines gemeinsamen Nutzens wollen nichts als leben, um den Nutzen genießen zu können." (Hitler in: von Koerber 1921: 101)
Arier: "der Prometheus der Menschheit"
"er [der Arier] allein [ist] der Begründer höheren Menschentums überhaupt war, mithin den Urtyp dessen darstellt, was wir unter dem Worte „Mensch“ verstehen. Er ist der Prometheus der Menschheit, aus dessen lichter Stirne der göttliche Funke des Genies zu allen Zeiten hervorsprang, immer von neuem jenes Feuer entzündend, das als Erkenntnis die Nacht der schweigenden Geheimnisse aufhellte und den Menschen so den Weg zum Beherrscher der anderen Wesen dieser Erde emporsteigen ließ" (MK 317).
Jude: "die Personifikation des Teufels"
"Hier schreckt er [der Jude] vor gar nichts zurück und wird in seiner Gemeinheit so riesengroß, daß sich niemand zu wundern braucht, wenn in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibhaftige Gestalt des Juden annimmt" (MK 355).
"alle gegensätzlichen Eigenschaften...":
keine höheren Ziele
keine Zuversicht
keinen Glauben
keine Mission
keine Ideale
kein Mut
kein Ringen
kein Kämpfen
keine Hingabe
keine Tapferkeit
keine Begeisterung
keine Zugehörigkeit
keine Beharrlichkeit
keine Opferbereitschaft
keinen Gemeinschaftssinn
keine idealistische Gesinnung
"alle gegensätzlichen Eigenschaften...":
keinen Willen
keinen Lebenssinn
keinen Lebensinhalt
keine Verantwortungsfreudigkeit
keine Entschlusskraft
keine Selbstlosigkeit
kein Streben
stattdessen ein
rücksichts-,
skrupel- und
gewissenloser
Egoist
"alle gegensätzlichen Eigenschaften...":
keine Ehre
keinen Stolz
keine Würde
keine Ritterlichkeit
keine Aufrichtigkeit
keine Selbstbehauptung
keine Kameradschaft
die "schaffende Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antise-mitisch sein wird."
"alle gegensätzlichen Eigenschaften...":
empfindet keine sittliche Plicht zur Arbeit, ist geradezu arbeitsscheu,
leistet keinen Beitrag zur Erhaltung des Staatsfundaments, zeigt
keine Zielstrebigkeit,
keinen Fleiß,
keine Beharrlichkeit,
kein Pflichtbewusstsein
kein Können,
keine Redlichkeit,
keine Leistung,
keine Verpflichtung gegenüber der,
keinen Dienst an der
Volksgemeinschaft,
erbringt ihr keinen Nutzen, trägt nichts zu deren Wohl bei
sondern:
"Juden lernen arbeiten"
ein arbeitsscheuer, bequemer, Müßiggänger, ein ausbeuterischer Parasit, der alles andere als Wertschätzung verdient, sondern als Asozialer aus dem deutschen 'Volkskörper', der Volksgemein-schaft ausgeschlossen oder ins Konzentrationslager zum Vollzug des fürsorgerechtlichen Arbeits-zwangs verbracht werden sollte. "Erziehung zur Arbeit durch Arbeit."
„Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland!“
"alle gegensätzlichen Eigenschaften..."
kein Fleiß,
kein Opfersinn,
keine Ehrlichkeit,
keine Wahrhaftigkeit,
keine Liebe zum Vaterland
keine Nüchternheit (estuans interius)
...kein "Herr Gran", "Peer Gynt", "Carl Peters", "Trenck, der Pandur", kein "Sherlock Holmes", "Hans in allen Gassen", "Sergeant
Berry", etc.
ein großer, blonder, blauäugiger, kernig-ungestümer, hemdsärmeliger, wagemu-tiger, selbstbewusster, krafvoller, kesser, frecher, draufgängerischer, frischer,
lie-benswürdiger, leutseliger, tatkräftiger, kühner, zielbewusster, energischer, entschlossener, opferbereiter, erfolgrei-cher, natürlicher, lustiger, ungezwun-gen-sympathischer,
geselliger, netter und reizender Schwarm der Frauen und deshalb für die Nazi-Ideologen ein männliches
Role Model
"alle gegensätzlichen Eigenschaften...":
träger
wütender
bequemer
verbitterter
weinerlicher
gescheiterter
beziehungsloser
schmarotzender
zivilisatorisch erschlaffter
seelen- und skrupelloser
Dämon
...in ihm ist Geist von unserem Geist, Kraft von unserer Kraft und Wille von unserem Willen...
Joseph Goebbels am 1. Mai 1934: Laudatio auf die Preisträger, in: Hamburger Fremdenblatt 2. Mai 1934, Festsitzung der
Reichskulturkammer.
Nationalpreis Film 1934: Flüchtlinge
Regie: Gustav Ucicky - in den Hauptrollen u. a. Hans Albers und Kristja Laudy
„Für etwas sterben - Den Tod wünsch‘ ich mir.“ Arneth alias Hans Albers in Flüchtlinge
„Mit „Flüchtlinge“ […] ist plötzlich der „neue“ Film da, der seit der nationalsozialistischen Revolution gefordert und erstrebt wird. Dieses Filmwerk ist vom „neuen Geist“ getragen, denn es verkörpert die hohen sittlichen Ideen der Selbsthilfe und des Führerprinzips. […] Es ist wirklich geworden, was wir immer wieder vom Film verlangten, was verlangt werden muß, wenn anders der Film überhaupt mehr sein soll als ein oberflächlicher Zeitvertreib, wenn er den Menschen mehr geben soll als ein paar Stunden Bilderbeschauen. Hier ist auch eine Gesinnung, eine Überzeugung, hier ist eine tragende, gestaltende Idee, und sie ist nicht ein Einsprengsel, nicht eine wortreiche Episode im Filmgeschehen […] Und sie ist keine Idee, die uns fremd wäre, sondern eine, die zeitnahe ist: das Arbeiten, Kämpfen, Sterben für ein hohes Ziel, der Einsatz eines jeden für alle, der von einem einzelnen geweckte und gehaltene einigende Glaube an die befreiende Macht der opferwilligen Tat. […] Hans Albers ist auch hier wieder einmal der draufgängerische Abenteurer, doch nicht selbstherrlicher, als es das Ganze zuläßt. Er erlebt seine Rolle mit dem letzten Nerv und füllt sie aus mit seiner großen Kunst, die nach dieser Leistung als „Flüchtling“ und als harter, unbeugsamer Führer wohl von niemandem mehr bezweifelt wird. […] Damit ist dieser Film ein wahrer Deutschenspiegel geworden.
Oskar Kalbus: Vom Werden deutscher Filmkunst. 2. Teil: Der Tonfilm. Berlin 1935, Seite 104 f.
"alle gegensätzlichen Eigenschaften..."
nicht bodenständig
wurzellos
haltlos
treulos
heimatlos
international
unverbunden
hat keinen Nationalstolz
keine Vaterlandsliebe
ist überall 'zu Hause'
Lumpen mußt' ich finden!
im "Zwiegespräch" (Abb. links) S. 40
Hitler: "Über das Wichtigste, die erbärmliche Charakterlosigkeit der Juden, ihre teuflische Arg-list, ihren scheußlichen Jehova- und Talmudglau-ben [bei Thomas Mann] keinen Ton."
Die Aufgabe der Schule: Charakterbildung
"[...] Die allererste Aufgabe der Erziehung ist nicht technische Wissensvermittlung, sondern Charak-terbildung, d. h. Stärkung jener Werte, wie sie zu tiefst im germanischen Wesen schlummern und sogfältig hochgezüchtet werden müssen. Hier hat der Nationalstaat ohne jeden Kompromiß die Alleinherrschaft zu beanspruchen, will er boden-verwurzelte Staatsbürger erziehen, die sich einst bewußt sein sollen, wofür sie im Leben kämpfen, zu welcher Ganzheit von Werten sie ungeachtet aller Einzelzüge gehören" (Rosenberg (Abb. links) 1939: 624).
" alle gegensätzlichen Eigenschaften...":
unbeherrschter (Zornesflammen),
charakter-,
ehr-,
gewissen-,
skrupel-,
seelen-,
disziplin-,
tugendloser, gefühlloser,
gleichgültiger und
lasterhafter
Sünder,
Lump und
eigennütziger Egoist
"Lasse mich auf Laster ein..."
Laster nach Wikipedia: Das Laster [...] ist eine schlechte Angewohn-heit, von der jemand beherrscht wird. [...] Das Laster ist eine ethische Wertung menschlichen Verhaltens, welches – im Gegensatz zur Tugend – als schädlich für den Einzelnen oder die Gemeinschaft angesehen wird. [...]
"pfeife auf die Tugend"
Allgemein versteht man unter Tugend eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche
Haltung eines Menschen.
"wenn die Seele flöten geht..."
wikipedia: "Der Ausdruck Seele hat vielfältige Bedeutungen. [...] Im heutigen Sprachgebrauch ist oft die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen
Vorgänge beim Men-schen gemeint."
Hier die A r i e r
mit einem hohen und heiligen Em-pfinden für alles Edle und Reine.
Mit einer noblen Gesinnung, verrichten
sie keuschen, anständigen und tugend-haften Minnedienst.
Mit ihrer arisch-sauberen, natürlichen, unschuldigen, rassisch gesunden Sexu-alität tragen sie zur Bildung eines mora-lisch intakten
Volkskörpers bei und erfüllen damit gleichsam ihre "Pflicht gegenüber der Nachwelt." MK275
Dort die J u d e n
als bemakelte, verderbte, zügellose, lüsternde, unkeusche, schamlose und genusssüchtige Geschöpfe, die voller Sinnengier, Geilheit, verheerender Lei-denschaft, lieb- bedenken-, skrupel, gefühl-, rücksichts-, gewissenlos-egois-tisch ihrer triebstarken, sexuell abnor-men bzw. perversen und ausschwei-fenden Wollust wie, mit wem und wo auch immer fröhnen.
"bei den Sündern will ich sein"
Kurzum: diese fleischlich gesinnten Prediger der Unzucht und teuflischen Verführer repräsentieren mit ihrer krankhaft gesteigerten Sinnlichkeit ei-nen moralischen Tiefstand.
So ist auch der Estuans-interius-Prota-gonist ein sittlich minderwertiger und zersetzende Rassenschande betreiben-der Lebemann u n d - auch das wird von "muß der Leib mich trösten" 'ge-deckt' - ...
"alle gegensätzlichen Eigenschaften"
keine Tat
kein Fleiss
keine Arbeit
keine Initiativen
keine Beharrlichkeit
keine Entschlusskraft
keine Erfindungskraft
kein Unternehmungsgeist
keine künstlerischen Gedanken
kein schöpferisches Können
keine Zielstrebigkeit
"Das System, das wir niederwarfen, fand im Liberalismus seine treffende Charakterisierung. Wenn der Liberalismus vom Individuum ausging und den Einzelmenschen in das Zentrum aller Dinge stellte, so haben wir Individuum durch Volk und Einzelmensch durch Gemeinschaft ersetzt."
Joseph Goebbels (Abb. links) zur Eröffnungsfeier der Reichskulturkammer im großen Saal der Berliner Philharhmonie am 15. November 1933 (nach Dreyer 1934: S. 26)
"Wenn Sie mitarbeiten, an unserer Sympathie und an unserer Unterstützung soll es nicht fehlen. Wir stehen zu Ihnen, wenn Sie zu uns stehen. Aber nicht, ohne dass Sie das Opfer gebracht haben, das Opfer des Eingangs in die Gemeinschaft, stehen Sie in der Gemeinschaft. Dann werden Sie von der Gemeinschaft eingeschmolzen und dann auch erst können Sie das Gesetz empfinden, das die Gemeinschaft gibt. Ein Glück, das unvorstellbar ist für den, der das nicht in sich trägt. Sind Sie einmal Mitträger der Gemeinschaft, dann werden Sie auch den Segen der Gemeinschaft in sich verspüren." J. Goebbels "Theaterpolitische Grundsatzrede vom 9. Mai 1933: "Du holde Kunst, ich danke Dir".
"Seit der Erhebung Preußens nach der napoleo-nischen Knechtung hat der Begriff der G e m e i n- s c h a f t [Sperrung im Original (SiO)], der Volksgemeinschaft, die Herzen der Deutschen nicht so bewegt, ihre Köpfe nicht so beschäftigt wie in unserer gegenwärtigen Zeit. Der zweifellos richtige Grundsatz: "Erst dein Volk und dann du"; er erschöpft die Frage nach der Bedeutung der Gemeinschaft nicht; er erschöpft nicht einmal die Frage der P f l i c h t [SiO] des Einzelnen der Gemeinschaft gegenüber, denn die Hingabe an das Vaterland, das Aufgehen in der Gemeinschaft des Volkes wird diesem Vaterlande und diesem Volke nur zum Segen, hebt die Gemeinschaft aus dem Zustande der Herde erst empor zum Wertvollsten, das mit Recht die Treue bis zum Tode beanspruchen kann, w e n n d e r E i n z e l- n e W e r t b e s i t z t" [SiO] [...] Der Begriff "Kultur" schließt ja den Begriff der vornehmen Gesinnung, des Edelmuts und der Güte in sich, also d e r [SiO] Eigenschaften, auf deren Erstar-ken es bei jedem einzelnen ankommt, der einmal ein nütliches Glied der Gemeinschaft sein will. [...] (Raabe 1935e: 78ff).
"alle gegensätzlichen Eigenschaften..."
keine innere Bindung
keine Hingabe
kein Edelmut
keine Treue
kein Vaterland
kein Pflichtbewusstsein
keinen Gemeinschaftssinn
keinen Aufopferungswillen
kein Verantwortungsbereitschaft
keine Verantwortungsfreudigkeit
kein Mitträger der Gemeinschaft
keine vornehme Gesinnung
keine Grundsätze
keine Verbundenheit
keine Verbindlichkeit
keine Ritterlichkeit
Reinheit und Festigkeit der Seele
Klarheit und Urteilskraft des Geistes
kein Zusammenhörigkeitsgefühl
kein Gewissen s t a t t d e s s e n:
"nackter Egoismus"
"schrankenloser Individualismus"
"Was darin [i. d. Versen der CB ] zeitgebunden war, ist tot" (Hofmann 1937).
Carmina Duplicia pro 'Tertio Imperio'
Der, wie Goethes Faust, in düsterem Grolle - "Wär ich nie geboren"
- in den fünf von in den Carmina Burana überlieferten 25 Versen der Lebensbeichte des sogenannten Archipoeta (Erzpoeten) gegen sich selbst fluchende, sich also
selbst verfluchende - "Weh, dass ich geboren war" - Fährgast beschreibt sich von wildem Gestikulieren begleitet
ausschließlich mittels in der NS-Propaganda antisemitisch konnotierter Charakterklischees. Er verkörpert damit gleichsam nahezu alle dem Nazi-Wunschbild des 'Ariers' - Germanen -
Deutschen e n t g e g e n g e s e t z t e n Wesenszüge: Kein Glaube hat in dieser Person jemals gesiegt, kein Wille jemals in ihr triumphiert. Nichts Heldenhaftes, Heroisches und
Schöpferisches ist an ihr erkennbar - im Gegenteil: Dieser "elende Jämmerling" (MK 223) bekennt sich freimütig zu seiner Seelenlosigkeit, Tugendlosigkeit und Lasterhaftigkeit. Sein
Einzelgängertum ist ehrlos, antisozial, gleichgültig, rücksichtslos und ungezügelt triebhaf ("muss der Leib mich trösten"). Als gefühl-, vernunft-, ("wenn
die Seele flöten geht"), wurzel-, beziehungsloser und charakterschwacher "Schmarotzer" (MK 334) bzw. "Parasit" (ebd.) vagabundiert er grenzüberschreitend (also international)
ziel-, orientierungs-, konzept-, antriebs- und
tatenlos umher und nimmt sich bar jeder Verantwortung, bar jeden Pflichtgefühls, ja, bar überhaupt irgendeiner "ideellen Tugend" (MK 256) bzw. "idealistischen Gesinnung" (MK 330) skrupellos
das, was er für sein persönliches Wohlergehen gerade 'benötigt'. Für ihn gilt das Gegenteil des eingangs zitierten NS-Postulats:
ICH BIN ALLES DAS VOLK / DIE GEMEINSCHAFT INTERESSIERT MICH NICHT
Einzig der von der antisemitischen Propaganda ohne Unterlass befeuerte Stereotyp des auf materiellen Besitz erpichten 'Geldjuden' bzw. "Bankjuden" (MK 256) erfüllt dieser 'Wüterich' (fortan auch Estuans-Wüterich genannt) nicht - noch nicht.
Bei der Estuans-Interius-Selbstcharakterisierung handelt es sich zweifelsfrei, wie schon bei ihrer potenziellen Inspirationsquelle "Ahasvers fröhlich Wanderlied" (Paul Mayer), um eine Literarisierung des von den NS-Idelogen und -Propagandisten ins Negative gewendeten Bildes vom "Ewigen Juden".
Streichen?
Die Wut, der innere Zorn des Protagonisten dürfte aus Ganze gesehen wohl darin begründet sein, dass der 'deutsche Frühling', das neue, von geschürten Degenerationsängsten antisemitisch indoktrinierte Deutschland ihm und Seines-gleichen wenig Perspektiven zu bieten vermochte - im Gegenteil - seit nunmehr vielen Jahren unverblümt den Kampf angesagt hatte und bis zur Carmina Burana - Uraufführung den unheilvollen Ankündigungen und Drohungen mit Progromen und systematischer Entrechtung menschenverachtende 'Taten' hatte folgen lassen.
Aus Sicht der NS-Ideologen mochte es begrüßenswert erscheinen, dass sich diese vollumfänglich tugendlose und 'volksschädliche' Existenz, selbst aus der Gesellschaft entfernend (Emigration), auf dem Weg zur Hölle befand. Hatte Hitler doch in seiner Regierungserklärung vom 23.03.1933 einmal mehr seine seit Anbeginn erklärte Absicht bekräftigt, die "durchgreifende moralische Sanierung des Volkskörpers" (Domarus 1988: 232 - VB Nr. 83, 24.03.1933) ins Werk zu setzen.
Thomas 1995 / 151:
"Daß Orffs Textkonzeption vom ersten Augenblick der Begegnung mit der Dichtung durch seine szenische Imagination gesteuert ist, wird in Teil III besonders deutlich.
Der Codex wird ihm zum "Steinbruch". Nur zwei Gedichte 183 und 174 hat er in der originalen Gestalt übernommen. Die anderen acht Texte sind "ausgehoben": ausgewählte oder umgestellte Strophen
oder herausgeschnittene Textteile, die fallweise den ursprünglichen Zusammenhang total ignorieren."
Thomas 1995 / 151: Transferieren zu GRUNDSAETZLICHEM
"Daß Orffs Textkonzeption vom ersten Augenblick der Begegnung mit der Dichtung durch seine szenische Imagination gesteuert ist, wird in Teil III besonders deutlich.
Der Codex wird ihm zum "Steinbruch". Nur zwei Gedichte 183 und 174 hat er in der originalen Gestalt übernommen. Die anderen acht Texte sind "ausgehoben": ausgewählte oder umgestellte Strophen
oder herausgeschnittene Textteile, die fallweise den ursprünglichen Zusammenhang total ignorieren."
Thomas 1995 / 150:
" [...] Orff eröffnet Teil II mit den ersten fünf [von 25 (Erg. d. Verf.)] Strophen des berühmtesten, im Mittelalter am weitesten verbreiteten Gedichtes des Codex: der Vagantenbeichte eines nur als "Archipoeta" bekannten Dichters. Die sprachgewaltige Satire parodiert in der Form der Vagantenstrophe die Beichte. Sie wurde wohl zum ersten Mal in Pavia im Kreis des Kanzlers Barbarossas, Reinald von Dassel, vorgetragen (Bernt 1979: 950f.; Hamacher 1983: 160ff.). Sie ist ein verzweifelt-stolzes Bekenntnis zur "parvitas, dem verkehrten Lebenswandel" (Bischoff 1967: 8).
Liess 1984 / S. 86: [...] "Estuans interius" (Nr. 11) trägt italianisierender pathetischer Opernton (Verdi). Der jagende Rhythmus reißt die Singstimme mit, die, pointiert an den opernmäßig freien Espressivostellen, dann wieder in den wilden dynamischen Fluß hinabgleitet.