"[...] So schrieb etwa Carl Orfff, an dessen politisch-moralischer Integrität kein Zweifel erlaubt ist, 1939 eine Bühnenmusik zum "Sommernachtstraum" ...
Carl Dahlhaus: Den Notlügen auf der Spur, Fred K. Priebergs Chronik der
Musik im NS-Staat, in: FAZ Nr. 37, 13 Februar 1982.
vgl. auch: Carl Dahlhaus (Hg.): Festschrift für einen Verleger - Ludwig Strecker zum 90. Geburtstag, Mainz 1973: B. Schott's Söhne. Darin Carl Orff S. 15: "Wir haben mit vereinten Kräften ein Werk hingestellt, das einigen Bestand haben mag und Zeugnis geben soll von unserem Vertrauen in eine Zukunft, die einer großen Vergangenheit würdig ist."
Carl Dahlhaus (1928-1989)
... und von 1934 - 1936 die...
„Ich brauche unbedingt »neue Werke« [sic] da die alten eben alle nicht gehen, aus be-kannten Gründen.“ Carl Orff in einem Brief vom 4. April 1934 an Michel Hofmann (Dangel-Hofmann 1990: 19)
Carmina Burana
cantiones profanae
cantoribus et choris cantandae
comintantibus instrumentis
atque imagibus magicis
Carmina Burana
Lieder aus der Benediktbeurer Handschrift
Weltliche Gesänge
für Soli und Chor
mit Begleitung von Instrumenten
und mit Bildern
"...eine Art szenisches Triptychon..." (Bach 1944 über die Carmina Burana)
Hier eine Einführung: Dante - Hieronymus Bosch - Orff - Filmemacher ergänzen
Die Verbindung zwischen Dante Alighieris Göttlicher Komödie (italienisch: Divina Commedia) und Hieronymus Boschs Triptychon Garten der Lüste ist eine der faszinierendsten Hypothesen der Kunstgeschichte. Obwohl beide Werke geografisch und zeitlich getrennt sind, weisen sie eine so frappierende geistige und visuelle Verwandtschaft auf, dass eine Beeinflussung – ob direkt oder durch die im Spätmittelalter allgegenwärtige christliche Ikonografie – höchst wahrscheinlich ist.
Chronologie der Entstehung
Um die mögliche Beeinflussung zu verstehen, muss man sich die zeitliche Abfolge vor Augen führen. Dante schuf das Fundament, auf dem die visuelle Vorstellungswelt des Jenseits für Jahrhunderte ruhen sollte.
| Werk | Urheber | Entstehungszeitraum | Epoche |
| Göttliche Komödie | Dante Alighieri | ca. 1307 – 1320 | Spätes Mittelalter (Italien) |
| Garten der Lüste | Hieronymus Bosch | ca. 1490 – 1510 | Nordische Renaissance (Niederlande) |
Zwischen der Vollendung von Dantes Epos und Boschs Arbeit liegen fast 180 Jahre. In dieser Zeit verbreitete sich Dantes Werk über ganz Europa. Mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 wurden illustrierte Ausgaben der Commedia auch für Gelehrte und Künstler in den Niederlanden zugänglich.
Der Essay der Beeinflussung lässt sich an drei zentralen Säulen festmachen:
Dante strukturiert das Jenseits in einer mathematischen, streng geordneten Trinität: Inferno (Hölle), Purgatorio (Fegefeuer) und Paradiso (Paradies).
Bosch übernimmt diese dreigeteilte Weltsicht in seinem Triptychon:
Linker Flügel: Das irdische Paradies (Eden).
Mitteltafel: Das Leben der Menschheit (der „Garten“, der oft als Warnung vor fleischlichen Lüsten oder als Zwischenzustand interpretiert wird).
Rechter Flügel: Die musikalische Hölle.
Die Analogie zum Inferno ist hier am deutlichsten. Bei beiden Künstlern ist die Hölle kein diffuser Ort der Qual, sondern ein hochstrukturiertes System der Vergeltung.
Dantes Geniestreich war das Prinzip des Contrapasso – die Strafe entspricht der Art der Sünde (entweder durch Ähnlichkeit oder durch krassen Gegensatz).
Bosch visualisiert genau dieses Prinzip im rechten Flügel seines Triptychons:
Wer der Völlerei verfiel, wird von einem vogelköpfigen Monster gefressen und wieder ausgeschieden.
Die „Musikalische Hölle“ bestraft jene, die weltliche Musik zur Verführung nutzten, indem sie an riesige Instrumente gekreuzigt oder von ihnen gequält werden.
Diese Ironie der Qual, die bei Dante literarisch präzise ausgearbeitet ist, findet bei Bosch ihre vollendete malerische Entsprechung.
Dantes Purgatorio zeigt Menschen, die zwischen Sünde und Erlösung schwanken. Die Mitteltafel von Boschs Werk zeigt eine wimmelnde Masse nackter Menschen in einer hybriden Landschaft aus Riesenfrüchten und bizarren Tieren.
Beide Werke teilen die tiefe Skepsis gegenüber der menschlichen Natur: Die Schönheit des Gartens (oder des Purgatorio-Aufstiegs) ist fragil; die Gefahr, in das dunkle „Inferno“ abzurutschen, ist allgegenwärtig.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Bosch Zugang zu illustrierten Manuskripten oder frühen Drucken der Commedia hatte. Die Ähnlichkeiten in der Darstellung von bizarren Mischwesen, die detaillierte Ausarbeitung der Höllenqualen als Spiegelbild der Sünden und die streng moralische Ausrichtung legen nahe, dass Dante für Bosch der architektonische Blaupausenlieferant des Jenseits war.
Während Dante die Schrecken der Hölle in Terzinen goss, gab Bosch ihnen eine physische, fast greifbare Form. Beide schufen ein Panorama der menschlichen Seele, das zwischen der Sehnsucht nach göttlicher Ordnung und dem Abgrund des Wahnsinns pendelt. Bosch ist somit nicht nur ein Visionär, sondern möglicherweise der bedeutendste „Illustrator“ dantescher Ideen in der nördlichen Hemisphäre.
Die Betrachtung von Hieronymus Boschs Garten der Lüste gewinnt eine völlig neue Dimension, wenn man die kunsthistorische Statik verlässt und das Werk stattdessen als ein dynamisches Gebilde begreift, dessen Struktur frappierende Parallelen zum klassischen griechischen Drama aufweist. In dieser Lesart fungieren die beweglichen Klappflügel nicht bloß als physischer Schutz, sondern als rituelles Instrumentarium, das den Betrachter durch die Phasen einer metaphysischen Inszenierung führt. Im geschlossenen Zustand präsentieren die Außenflügel in ihrer tristen Grisaille-Malerei die Welt am dritten Tag der Schöpfung – ein kosmischer Prolog, der, ähnlich wie in der antiken Tragödie, den unberührten Rahmen der Existenz absteckt, bevor das menschliche Handeln die Bühne betritt. Das physische Öffnen dieser Flügel gleicht sodann der Parodos, dem feierlichen Einzug des Chores, wobei die wimmelnde Menschheit der Mitteltafel die Rolle dieses Chores übernimmt: Sie ist Kollektiv und Kommentar zugleich, ein Spiegel der menschlichen Natur in all ihrer hybriden Ambivalenz.
Doch die wahre Sprengkraft dieser Analogie entfaltet sich erst, wenn man die traditionelle, christlich-lineare Leserichtung von links nach rechts zugunsten einer dialektischen Interpretation aufgibt. Liest man das Triptychon nicht als chronologischen Abstieg vom Paradies in die Verdammnis, sondern versteht man die Seitenflügel als die beiden extremen Pole einer menschlichen Erfahrung, so transformiert sich die Mitteltafel zum eigentlichen Zielzustand. In diesem Modell repräsentiert der linke Flügel – das Eden der Genesis – die These einer sterilen, fremdbestimmten Ordnung, während der rechte Flügel – die musikalische Hölle – die Antithese eines destruktiven, mechanisierten Chaos verkörpert. Beide Seitenflügel fungieren somit als „Torwächter“ der Erkenntnis, die der Betrachter geistig durchschreiten muss.
Der große Innenteil, der titelgebende Garten, wird unter dieser Prämisse zur befreienden Synthese. Er ist kein Warnbild vor der Sünde, sondern die Vision einer dionysischen Utopie, in der die Menschheit die polaren Spannungen von Askese und Qual überwunden hat. In diesem Zustand der Epopteia, der höchsten Einweihungsstufe antiker Mysterien, verschmelzen Mensch, Tier und Pflanze in einer paradiesischen Unschuld, die jenseits von moralischer Verurteilung existiert. Bosch inszeniert hier eine Welt, in der die Zeit aufgehoben scheint und die Trennung zwischen Schöpfung und Geschöpf kollabiert. Das Triptychon erweist sich damit als ein philosophisches Instrument, das durch seine mechanische Form – das Öffnen und Schließen – den Prozess der Menschwerdung selbst nachstellt: Weg vom grauen Urzustand des Unbewussten, durch die Prüfung der Extreme hindurch, hin zu einem Zentrum der totalen, lebensbejahenden Freiheit.
Hieronymus Bosch "Garten der Lüste"
Prima Pars: - Erster Teil:
"Der Garten Eden" (Fraenger 1947: 20, siehe Anhang unten)
Pars altera: - Zweiter Teil:
"Hölle" (Fraenger 1947: 20, siehe Anhang unten)
Pars tertia: - Dritter Teil:
"Paradies des Tausendjährigen Reiches" (Fraenger 1947: 20, siehe Anhang unten)
„Ich brauche unbedingt »neue Werke« [sic] da die alten
eben alle nicht gehen, aus bekannten Gründen.“
Carl Orff in einem Brief vom 4. April 1934 an Michel Hofmann (Dangel-Hofmann 1990: 19)
"Dass ich jetzt an dem Prometheus arbeite, in griechischer Sprache, ganz im Original, das ist nur ein Finale für das Ganze, für den ganzen Bogen, der von Carmina Burana bis hierher geht. Denn es ging mir nie [dar]um, ein Libretto, ein Sujet zu finden, sondern es ging mir [darum], wie ich durch die lateinische Sprache eine abendländische Bindung versuchen wollte, so gilt mir die grie-chische Tragödie als eine Wurzel, eine Grundlage der gesamten abendlän-dischen Kultur. Und wenn eine Kultur am Ende ist, am eigenen Abend, wird sie sich immer der Ursprünge besinnen. Und diese Besinnung und diese Bindung ist heute notwendig." Carl Orff in einem TV-Interview (Sender unbekannt, als Download von Youtube gesichert) anlässlich seines 70ten Geburtstags, der 1965 mit einer Orff-Woche in der Stuttgarter Staatsoper festlich begangen wurde.
"[...] Zwischen diesen beiden Bühnen, in der Höhe eines Halbstockes, sitzt rechts und links die Gemeinde; [...] Die unbewegliche Aufstellung der Gemeinde ergibt die Annehmlichkeit, daß während ihres Gesanges der Beginn oder der Nachklang eines szenischen Kapitels sich stumm abspielen kann[...]" (Ferrucio Busoni 1922: 341-43).
zur [Ur-]Aufführung in Frankfurt:
Carl Orffs "Carmina Burana"
Neues Musikblatt, Mai 1937
eine kritische Exegese...
Weil hinsichtlich der Aufführungszahl, -orte, -termine und -kontexte der Carmina Burana auch 78 Jahre nach dem Kriegsende (2023) Unklarheit herrscht,
dünkte es notwendig, Licht in das Dunkel zu bringen.
"Man muss sagen, dass Carl Orff versucht hat, sich mög-lichst rauszuhalten. Das ist natürlich wahnsinnig schwer für einen Komponisten, der groß angelegte Bühnen-werke komponiert. Er hat sich nach Kräften zurückge-halten." Thomas Rösch (Direktor des Orff-Zentrums in München) in: WDR-Zeitzeichen vom 10.07.2020)
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"Die psychologische und letztlich auch politische Ein-schätzung des US-Militärpsychologen Betram Schaffner, der 1946 Orff als »passive antinazi« beschrieben hat, trifft meiner Ansicht nach voll und ganz auf sein politisches Verhalten zu" (Rathkolb 2021: 199).
"[…] so geht es darauf zurück, dass die Leute garnichts, aber auch schon garnichts, genau studiert haben, und nicht unter die Oberfläche eingedrungen sind. […], es soll Tatsachenmaterial mit wissenschaftlicher Exaktheit, die keineswegs mit Geschmack oder Sympathie etwas gemein haben, bringen. Mit diesem Tatsachen-material haben sich wiederum auch die Gegner auseinanderzu-setzen, sofern sie ernst genommen werden wollen.“
Carl Orff in einem Brief vom 10.12.1947 an Willy Strecker (OZM, Verlagskorrespondenz), hier zitiert nach Rösch 2003, S. 15-16.