Luther in der Hölle, um 1700, Künstler unbekannt
Luther in der Hölle, Egbert II von Heemskerck, Öl auf Leinwand, ca 1700-1710, Genf, Internationales Museum der Reformation.
"[…] Tiefpunkt am Fortunarad […]"
(Carl Orff in einem Brief vom 26.06.37 an Michel Hofmann, in Dangel-Hofman 1990: 138)
'Martinsgans'
"Ich finde zum Saufen ("In taberna") gehört auch Fressen. Es gibt da so viele 'Gansgebräuche' wie ich dunkel weiß. 'Martinsgans' 'Klosterlieder'. Helfen Sie meinem vertrockneten Gedächtis. Kleine Phantasieanregungen!! -- "
Orff an Hofmann, Februar 1935, in Dangel-Hofmann 1990: 81
"[...] Gansbraten angenehm, wenn darauf richtig gesoffen wird. Ich weiß auch von den dunklen Gansgebräuchen, z. B. jene Martinsgansgeschichte in Form einer Vesper (nicht zu verwechseln mit Will Vesper!*): "Praesulem...[...]."
Hofmann an Orff (ohne Datum) in Dangel-Hofmann 1990: 82
*Vesper, Will 1918: Martin Luthers Jugendjahre, Bilder und Legenden, München: Verlag C.H. Beck.
"Heute bratet ihr eine Gans. Aber über hundert Jahre wird ein Schwan kommen, der wird euch ein anderes Lied singen."
Martin erschrak von dem Ruf, blickte auf und sah, wo er war, zwischen den Büchern.
"Die hundert Jahre sind nun bald um," dachte er und las weiter.
daraus: "Dass der Schwan zum Symbol für Luther wurde, wird meist mit einer Legende erklärt: Der als Vorrefor-mer geltende Jan Hus wurde 1415 während des Konzils von Konstanz als Häretiker hingerichtet. Er soll, bevor er verbrannt wurde, gesagt haben: "Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan auferstehen" (tschechisch "Hus" bedeutet "Gans"). Später wurde dieser Ausspruch auf Martin Luther gedeutet.
Nach dem Tode Luthers verbreitete sich das Bildmotiv von "Luther mit dem Schwan." Erste Bilder stammen aus dem 16. Jahrhundert. In den folgenden beiden Jahrhun-derten spielte das Bildmotiv in den unterschiedlichsten Varianten eine wesentliche Rolle in der künstlerischen Darstellung von Luthers Leben und Werk. Es fand in vielen Kirchen Einzug als Wand- und Emporenmalerei, auf Leinwand- und Tafelgemälden und vereinzelt als Skulpturenschmuck (Altar der Martinikirche Halber-stadt). Außerdem wurden die Eingände von Bibeln und Gesangbüchern mit dem Symbol verziert und trugen so zur wesentlichen Verbreitung des Symbols bei.
Der Schwan findet sich daher in zahlreichen lutherischen Gemeinden anstelle eines Wetterhahnes auf der Kirch-turmspitze, besonders in Nordwestdeutschland und in den Niederlanden, wo der sogenannte „Lutherschwan“ die konfessionelle Abgrenzung zu den reformierten Gemeinden deutlich machte. [...]
Man findet den Lutherschwan aber auch an anderen Orten wie etwa in in der Eifel, Wuppertal-Barmen auf der Alten Kirche Wupperfeld oder auf der ev. Kirche in Sprockhövel-Haßlinghausen."
Die Szene eröffnet mit dem weiß gewandeten, beflü-gelten und gekrönten Engel bzw. Schwan, den wir, wie erinnerlich, bereits flüchtig
in der Estuans-Szene wie ein Entführungsopfer an den Mast gefesselt, dann aber in einem 'entfesselt'-trinkfreudigen Pas de Deux mit einem Mönch gesehen haben.
Nun torkelt er begleitet von einer Fagott-Solo Melodie in den Ort des Geschehens, der nicht zuletzt wg. des Rosettenfensters, das "eindeutig aus dem Rad der
Fortuna abgeleitet wurde" (Lo 2015: 162) und die Schicksalsgöttin in ihrem Zentrum auch zeigt, als mittelalterliche Kirche identifizierbar ist. Im Hinter-grund hat erkennbar am Kirchenportal die
Fähre ange-legt.
In einer Nahaufnahme zeigt er überrascht, aber keines-falls ängstlich, auf das nächste 'Bild', eine am großen Tisch nahezu bewegungslos arrangierte Menschen-gruppe. Offenbar ist dem weiß gewandeten und beflü-gelten Götterboten, der eine leere Flasche wie die Bibel hält, nicht bewusst, dass er von dieser 'illustren' Gesellschaft als Festbraten verplant ist.
Die vielköpfige Besetzung der Höllenszene wird als nahezu bewegungsloses Motiv kurz vorgestellt. In der Mitte die uns aus der vorherigen Szene bekannte Estuans-Figur, über ihm ein Narr mit roter Schellen-kappe und darüber exponiert der Teufel als 'Hausherr' der Gastgeber des bevorstehenden Gelages. Unüber-sehbar einige Mitren und ein Krummstab (links) als Insignien hochrangiger katholischer 'Würdenträger'.
In der nächsten Einstellung drehen der Teufel und der Narr vor dem Rosettenfenster, wie bald erkennbar wird, den aufgespießten Schwan alias Engel, alias Luther über
dem Feuer. Zwei durch Kochmützen kenntlich gemachte Assistenten des Teufels übergießen den Braten andeu-tungsweise mit Bratensaft. Der Schwan eröffnet seinen Klagegesang, der
lediglich von der fressgierigen Meute (dem Männerchor) drei Mal refrainartig unterbrochen wird. Es entsteht der falsche Eindruck als würde dieser den Schwanengesang zynisch kommentieren,
tatsäch-lich aber singt er aus der Perspektive des Unglücklichen: "Ach, ich Armer! Wie ich schwarz bin, schwarz und ganz angebrannt."
In der darauf folgenden Einstellung setzt der Teufels-braten seine 'Arie' auf einer großen Tafel fort. Deutlich sichtbar in dessen Schulterbereich die uns bereits
in der Estuans- und der oben beschriebenen Eingangsszene bereits aufgefallende Engelskrone. Die Assistenten des Teufels legen dekorierend letzte Hand an,
während die Gäste offenbar gierig mit sichtabaren Esswerkzeug auf die Verzehrfreigabe des Satansbratens warten.
In der nächsten Einstellung wird dieser zum anderen Ende der Tafel, an den hungrigen Gästen vorbei, gen Teufel geschoben.
Vor ihm, im Vordergrund sitzend, links der uns von der Fähre bekannte Mönch, rechts der uns nicht minder bekannte Narr.
Aus der Perspektive des Teufels macht sich in der vor-letzten Einstellung am 'Hinterteil' des Bratens ein Mitra-träger zu schaffen. Anfangs sieht man ausschließlich die mit einem Kreuz drapierte Kopfbedeckung. Im Vorder-grund sind wieder der Mönch und der Narr zu sehen.
Am Ende der Szene kann sich der, wie später von Orff vermittelt wird, bereits 'angefressene' Schwan aus sei-nem Krustenpanzer befreien und durch das Kirchen- bzw. Höllenportal fliehen.
"Was darin [i. d. Versen der CB ] zeitgebunden war, ist tot." (Hofmann 1937)
Wer aber hatte sich in des "Teufels Tabern" (Kaemena 199: 29), wie der Reformator die Hölle selbst einmal in einer Ostermontagspredigt anno 1530 metaphorisiert hat, auf den Schwanen- bzw. Satansbraten vergeblich gefreut? Die Gründe des textil zweifelsfrei ausgewiesenen Klerus sind evident. Auch der wütende Fährgast (Estuans interius) war mit dem entführten Engel an seinem 'Sehnsuchtsort' eingetroffen und hätte mit Blick auf zahlreiche antisemitische Hetzschriften des 'Kirchenspalters' (siehe Anlage 1 unten) gewiss seine guten Gründe, sich an dem Festmahl schadlos zu halten. Nicht anders verhält es sich wohl auch mit dem Protagonisten der nächsten Szene - 13 "Ego sum abbas..."
Thomas 1995 / S. 151: "[...] Aussage und Ton bereiten die ironisch-parodierende Haltung der beiden folgenden Stücke vor: die Klage des gebratenen, singenden Schwans, eine Burleske im jambischen Dimetern, vielleicht eine Parodie der Sequenz Planctus cycni auf der Basis antiker Bildvorstellungen;"
Liess 1984 / S. 86: [...] "Das Lied des gebratenen Schwans" (Nr. 12) erzielt seine musikalische Groteskwirkung duch den Falsett-Tenor, sekundiert durch die Instrumentation des Fagotts in hoher Lage, kleine Flöte, Es-Klar. und Tromp., Pos. mit Flatterzunge.