"[…] Tiefpunkt am Fortunarad […]"

(Carl Orff in einem Brief vom 26.06.37 an Michel Hofmann, in Dangel-Hofman 1990: 138)

Beginn der "Klerisei" ... (Rosenberg 2018: 188)

Das erste Bild der Szene zeigt uns die Kopfseite eines etwa zwei Mönchskör-perlängen durchmessenden Weinfasses. Es war aus einer Überblendung der Rosette des bereits bekannten Kirchenfensters oberhalb des in einer kurzen Ein-stellung sichtbar mit trinkfreudigen Gesellen gefüllten Kirchenraumes hervor-gegangen. Der Protagonist der vorherigen Szene (Abbas) öffnet den Zapfhahn.


Rotwein ergießt sich in ein Weihwasser- oder Taufbecken um das die versammelten "durstigen Seelen" wie in einer Mangege im unteren Kirchen- bzw. Höllenraum kreisen. In deren Mitte bestimmt der Teufel als Dompteur (?) / Dresseur das Geschehen mit einer Peitsche. 


Bald schöpfen die "durstigen Seelen" gierig mit ihren Bechern aus dem groß dimenisonierten Gefäß. Die Trinkorgie des ausschließlich männlichen besetzten Gelages - Orff hatte es so komponiert (Männerchor) - beginnt:


Mönchspolonaisen - hier  im kreuzgangartigen Seitenschiff der Kirche - sind sporadisch zu sehen.


Ein Pas de deux von Mönch und Narr mit roter Schellenkappe, der, wie der Teufel als Symbol des Papstes, in der antikatholischen IIkonographie der Reforma-tionszeit, als Symbol der Kardinäle insturmentalisiert wurde, schließt sich an.


aus dem Kardinal bzw. Papst wird nach einer 180-Grad-Drehung der Medaille ein Narr bzw. der Teufel.


Ein dunkel gewandeter 'Stecken' (Teufel) wird von demselben Mönch und Narren 'geritten'.


In einer Nahaufnahme sind gar sechs saufende hohe kirchliche Würdenträger (4 Mal weiß (Mitra), 2 Mal rot (Tiara)) erkennbar bester Dinge. Dieses erlesene 'Klerus-Sextett' entspricht exakt Ponnelles diesbezüglichen Drehbuchangaben "PERSONEN und KOSTÜME" (vgl. Lo 2015: 163), wonach die In taberna quando sumus - Szene u. a. mit zwei "2 Päpste(n) und 4 Kardinäle(n)" (ebd.) zu besetzen sei.


In einer weiteren, nur sehr kurz sichtbaren Nahaufnahme wird die Gier eines ho-hen Geistlichen vor Augen geführt.


Höhepunkt der "Klerisei"

 

Zwischen den sich bald im vorderen Kernbildbereich volltrunken in ihren nicht nur, aber überwiegend in Klerusroben 'wie Schweine auf dem Boden suhlenden' Höllengästen flaniert ein Assistent des Teufels, dessen 'Chef' im Hintergrund am Tisch stehend das unfromme Treiben dem Anschein nach (Armbewegungen) zu dirigieren scheint.


In einer Nahaufnahme bestätigt sich die Vermutung. Wie schon in der Schwa-nenszene fungiert er auch hier kurz vor dem Ende  in einer Großeinstellung mit eindeutigen Armbewegungen als Dirigent des Geschehens vor dem Strahlen-kranz, der ihn als mächtige Gestalt ausweist.


Zu Beginn der Schlussszene thront der von seinen Gehilfen zur Linken und Rechten unterstütze Teufel vor einer Waage sitzend als eine Art Justitia / Totengericht: In einer Schale bewegen sich einige Höllengäste, die andere wird sukzessive mit von den Assistenten gereichten Miniaturweinfässern aufge-wogen. Der Teufel scheint deren zuvor im Gelage unter Beweis gestellte Trinkfestigkeit zu prüfen. Die sich bewährt haben, werden belohnt. Ikono-graphisch erinnert die Darstellung  an  den Erzengel Michael, der mit der Seelen-waage die für den Eintritt ins Himmelreich notwendigen guten bzw. schlechten Taten der Delinquenten zu wiegen und zu wichten hatte (siehe Abbildungen unten).


Beim Gleichstand der Waagschalen, wenn sich die Geprüften also mit genügend Weinfässern haben aufwiegen und damit des Paradieses würdig erwiesen haben, so die Bilderfolge gen Schluss,  werden die 'Auserwählten' vom Teufel zum letzten Carmina Burana-Teil 'katapultiert': Amor volat undique. Kein Geistlicher ist 'an Bord'.


verschiedene Darstellungen des Erzengels Michael mit der Seelenwaage:

Thomas 1995 (Willnauer) / S. 151: [...] Das letzte Gedicht, dessen Anfang den Zwischentitel für Teil II hergegeben hat, ist ein Trinklied in sieben rhythmischen Strophen von großer Virtuosität in Wortwahl und Reim, mit aufstockenden (Str. 3/4) oder gleichförmigen (Str. 7/8) Reihenbildungen. Die freche Ausgelassenheit des Textes erhält ihren Reiz durch liturgische Anspielungen. In der aufzählenden Formelhaftigkeit der 3. Strophe werden die Fürbitten der Karfreitagsliturgie parodiert. Die Vermutung, daß Strophe 5 auf die Fronleichnamssequenz Lauda Sion (1264) anpiele (sumit unsus, sumunt mille etc.), ist chronologisch nicht halbar: der Text In taberna war schon 1233 bekannt. Dagegen ist richtig, daß die Schlußzeile et cum iustis non scribantur aus Psalm 68,29 der Vulgata stammt.

 

 

Liess 1984 / S. 86: [...] "In Taberna" (Nr. 14) gibt nun die Apotheose der Maßlosigkeit, nachdem die drei Typen: der Draufgänger, der Ironiker und der Parodist - in typisch Orffscher psychologischer Brechung - zu Worte gekommen sind. Hier tritt Strawinsky, "gesehen durch die Brille Orffs", in Verbindung mit italienischer Opernparodie zu neuer, eben Orffscher Audruckseinheit zusammen.