"Der in Deutschland aufgekommene frohe Glaube an die Zukunft muß die Welt durchstrahlen als wahrer Völker-frühling" (Ford 1937, S. 6).
Wenn der Frühling...
21. März 1933
Hitler begrüßt den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.
Potsdamer Garnisonskirche auf der Rückseite.
"Seit zwei Jahrtausenden wird unser Volk von diesem wechselvollen Geschick begleitet. Immer folgt dem Emporstieg der Verfall. [...] Sie [Hindenburg] erlebten einst des Reiches Werden, sahen vor sich noch des großen Kanzlers Werk, den wunderbaren Aufstieg unseres Volkes und haben uns endlich geführt in der großen Zeit, die das Schicksal uns selbst miterleben und mit durchkämpfen ließ."
„Schon aus dieser Skizze der Entwicklung „kulturtragender“ Nationen ergibt sich aber auch das Bild des Werdens, Wirkens und – Vergehens der wahrhaften Kulturbegründer dieser Erde, der Arier selber“ (MK320).
"Nicht zufällig ist der Tag von Potsdam auf den 21. März, den Tag des Frühlings-anfangs gefallen..."
In der Rhetorik der Nationalsozialisten war der Zufall ein Fremdwort; jedes Ereignis, jede Inszenierung folgte einer pseudo-religiösen Logik. Die Wahl des 21. März für den „Tag von Potsdam“ – jenen symbolträchtigen Moment der Handschlag-Zeremonie zwischen dem greisen Hindenburg und dem jungen Hitler – war kein administratives Nebenprodukt, sondern eine bewusste Inbesitznahme des Frühlingsbeginns.
Der Essay des Kulturamts nutzt die zyklische Gewalt der Natur, um die politische Zäsur von 1933 zu rechtfertigen. Die Metapher der „harten und kalten Wintermonate“ dient hier als Chiffre für die Weimarer Republik, die als Zeit der Erstarrung, des Verfalls und der Dunkelheit gebrandmarkt wird. In dieser Lesart ist die Machtübernahme keine bloße Änderung der Regierungsform, sondern ein Naturereignis.
Indem der Nationalsozialismus sich mit dem Frühlingsäquinoktium gleichsetzt, entzieht er sich der menschlichen Kritik:
So wie der Frühling unausweichlich dem Winter folgt, so wird der „Tag von Potsdam“ als eine historische Notwendigkeit dargestellt.
Das Regime präsentiert sich nicht als politische Partei, sondern als die belebende Kraft, die das „Leben Deutschlands“ aus der Agonie reißt.
Der Text zieht eine direkte Parallele zwischen dem kalendarischen Markstein des 21. März und dem politischen Meilenstein am Weg in die „neue Zeit“. Diese Korrelation zielt auf die totale Mobilisierung der Gefühle ab. Wenn der Autor schreibt, man sei sich „stolz und freudig der Tatsache bewußt, daß damals der Frühling bei uns in Deutschland wirklich eingezogen ist“, dann verschwimmen meteorologische Realität und ideologischer Fanatismus. Der „echte“ Frühling ist hier nicht mehr das Ergrünen der Wälder, sondern das Erstarken der NS-Ideologie.
Die Unterschrift „Verantwortlich: Kulturamt: Pg. Schwarz“ unterstreicht den administrativen Ernst hinter dieser poetischen Verklärung. Es handelt sich um eine staatlich verordnete Mythologisierung. Die Sprache ist episch, getragen von einem Pathos, das den Einzelnen in ein großes Ganzes – das „Volk“ – einbinden will, das nun gemeinsam im „Licht“ der neuen Zeit steht.
Der „Tag von Potsdam“ war das Meisterstück der Goebbels’schen Propaganda. Er schuf die Illusion einer Brücke zwischen der preußischen Tradition (Potsdam) und der nationalsozialistischen Zukunft. Der Screenshot belegt eindrücklich, wie die Schönheit des Frühlings als Werkzeug missbraucht wurde, um die harte Realität der Gleichschaltung und den Beginn der Diktatur zu verschleiern. Der Frühling von 1933 war in dieser Lesart kein Erwachen der Freiheit, sondern die feierliche Einläutung einer Epoche, die bald einen ganz anderen, tödlichen Winter über die Welt bringen sollte.
die Quelle des Zitats wird unten 'offenbart'
die Quelle des Zitats wird unten 'offenbart'
daraus:
Deisenroth, Friedrich
Deutscher Frühling. Romantische Impression (Marsch)
für Infanteriemusik/ Fliegermusik
(1937; RS Frankfurt, 26/VI/38, MK des IR 81,
Dgt. MM Eugen Leibbrandt; Berlin, 10/VIII/38, MK des Wach-Rgts.
Berlin, Dgt. StMM F. Ahlers; RS Köln, 26/III/39, MK des IR 57, Dgt. selbst) [PB].
Kühn, Arno 4288
Deutschland erwache, 's wird Frühling im Reich (T: Maria Schürholz), für Gesang und Klavier (1933). NS-Kampflied.
Wir trommeln: Wir trommeln, wir trommeln landauf und -ab (T: H. Anacker).
NS-Kampflied, aus: "NS-Marsch- und Kampflieder" [SV].
In: Deutsche Jugend heraus (2. Folge, 1933).
Deutscher Frühling 1933: Horch, wie auf Adlers Schwingen
(T: Adolf Ey, geb. 1844). Vaterländisches Lied.
Textprobe (1. Strophe):
"(...)
von heilger Kraft durchglüht,
die deutschen Glocken singen
hinaus das Deutschlandlied!
Wacht auf aus eurem Grame,
laßt seufzen, wer da mag:
er kam, der wundersame,
der Auferstehungstag!"
In: Der Sieg ist erstritten (1934).
Neckartübingen: In Tübingen
Deutscher Frühling. Liedsätze: Nowottny.
In: RJF, Musikblätter der HJ 91/92 a (1940).
Deutscher Frühling: Es geht ein Leuchten über deutsches Land
(T:Moritz Fries). MCh [Ho].
In: Märkischer Adler (1938).
Herz und Hand zum Schwur erhoben (T: A. Korn).
Bekenntnislied zur Saar-Abstimmung 1935.
Textprobe (4. Strophe):
"Deutscher Frühling läßt uns ahnen
Aufbruch einer bess'ren Zeit,
und auf sonnbeglänzten Bahnen -
Deutschland, heil in Ewigkeit! -
stürmen wir zu deinen Fahnen,
Deutschland, heil in Ewigkeit!"
In: Saarvolk singt (1934).
Singkamerad. Liederbuch der deutschen Jugend.
Hgb. von der Reichsamtsleitung des NSLB.
Bearb. von Dr. Max Böhm, Kurt Dümlein und Ludwig Vogt (21934; 31935, 61936, 81937, 91938, 131940) [ZVNSDAP]. [...]
Aus dem Geleitwort:
"(...) Des V o l k e s S e e l e , h i e r w a r d s i e K l a n g !
In diesen Tagen des Deutschen Frühlings und der Auferstehung der deutschen Seele, da unter dem leuchtenden Sonnenzeichen des Dritten Reiches die herrlichen volkhaften Werte erwachen, erleben wir es mit inniger Freude, wie auch wieder die deutsche Nachtigall, die edle und reichgestimmte, aus Nacht und Not sich emporschwingt. Laßt das deutsche Lied erschallen!
Deutscher Sang soll wieder eine Macht im Leben der Nation werden! In den Liedern w i r d V o l k h e i t lebendig.
Liedpflege ist darum Hingabe an Volk und Vaterland, ist volkhafte Erziehung im höchsten Sinne des Wortes.
aus:
Jost Hermand
Der alte Traum vom neuen Reich
Völkische Utopien und Nationalsozialismus
Frankfurt a. M. 1988, S. 239.
„Der Roman Frühling in Atlantis [1933, Erg. U.B.] stellt die zweite Blütezeit dieses Reiches dar. Von den sechzig Millionen Menschen, die in diesem Staat leben, gehören zwei Millionen zu den reinblütigen „Asen“, während der Rest in die halbwegs „Anerkannten“ und die „Dunklen“ zerfällt. Der Reichskönig, der in der Hauptstadt Asgard residiert, heißt Warager Ase Torgaard. Seine Hauptaufgabe sieht er in der „Aufzucht reinrassiger nordischer Menschen“, um so den Führungsanspruch der Asen aufrechtzuerhalten und nicht in die drohende „Unfreiheit“ abzugleiten. Doch die Dunklen, die Untermenschen wollen sich mit diesem System nicht länger zufriedengeben. Daher ermordet der böse Lochi (Loki) am Schluß den von den Asen allgemein verehrten jungen Held Bal dur [Ad-olf] Ase Wie-borg [Hit-ler, Erg. Fettsatz und Trennung U. B.] aus Thule, was sich wie eine Warnung vor nachdrängenden Slawen oder anderen „Untermenschen“ liest, welche es schon seit langem auf den Untergang Deutschlands abgesehen hätten.“